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Vera Urweider pflückt auf Boa Vista Maracujas. © Ribanna Dittrich

Inselpost 19

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

 

Funda das Figéras, 7.9.2020

Liebe Jessi und Heike, liebe Alessia und Warren,

der Wind pfeift ums Haus und drückt die Regentropfen an die Fenster. Er wird gerade so stark, dass ich davon aufgewacht bin und er mich dazu bewog, euren Brief nochmals neu zu schreiben.

Ihr, die ihr meine Reisegenossen wart für ein paar kapver­dische Tage, vor dem Lockdown, damals, als die Welt noch im Normaltempo drehte. Ihr, Jessi und Heike, die ihr mit mir wegen des Sandsturmes im Februar den Karneval auf São Vicente verpasst habt. Wir sassen auf Santiago fest, kein Flugzeug flog, kein Schiff fuhr. Ihr, Alessia und Warren, die wir ein paar Tage und zwei Inseln später auf dem Schiff von São Vicente nach São Nicolau kennengelernt hatten. Wir sassen im selben Boot: Wind und Wellen liessen das Schiff São Nicolau nicht anfahren, so wurden wir einfach ungefragt schnurstracks nach Boa Vista weiter verschifft.

Da sassen wir dann. Ohne Unterkunft und ohne Plan. Und da sitz ich nun wieder. Ohne Unterkunft und ohne Plan.

Die nationalen Grenzen sind noch immer zu. Doch auf die anderen Inseln kommt man seit einem Weilchen wieder. Nach fast sechs Monaten auf Sal wollte ich nun kurz rüber auf unsere Nachbarinsel. Meine Freundin Ribanna schloss sich an, ein paar Tage was Anderes, für sie Unbekanntes, das sollte uns beiden gut tun.

Und nun sitzen wir da. Ohne Unterkunft und ohne Plan.

Es war bereits ziemlich mühsam, überhaupt losfahren zu können, man muss, um Sal zu verlassen, den Schnelltest machen, dafür fuhren wir zweimal in die Inselhauptstadt Espargos, weil ein Schnelltestresultat gibt es anscheinend ganz schnell … nach drei Stunden. Endlich hatten wir alles Notwendige beisammen, Corona-Negativ-Attest, ausgefülltes Wohlfühlformular, das Ticket. Das Schiff legte mit drei Stunden Verspätung ab. Und wir waren etwas aufgeregt. Wir verliessen unser Zuhause. Das erste Mal seit so langer Zeit war unser Radius plötzlich grösser als zwölf mal dreissig Kilometer.

Ich freute mich, Ribanna diese Insel zu zeigen, auf welcher ich drei Wochen verbracht hatte, bevor ich rüber nach Sal wechselte und da stecken blieb. Ich wollte sie in ein Restaurant führen, in welchem ich gerne ass, direkt am Meer. In eine sympathische Bar. Hoch in den Norden, in zwei einfache Dörfchen, ohne Touristen. In dem einen hatte ich gewohnt, bei Anita und Emanuel. Schweizerin und Kapverdianer. Zwei Hunde, zwei Katzen, kleiner Garten. Ihr erinnert euch, Alessia und Warren, Emanuels Mutter, die für das ganze Dorf das beste Brot aller Inseln bäckt im Steinofen bei sich zu Hause.

Nun. Die Bar und das Restaurant in der Inselhauptstadt Sal Rei sind zu. Wie sehr vieles hier auf Boa Vista. Die sonst schon verschlafene Insel ist nun endgültig im Dorn­röschenmodus. Der Hauptplatz ist leer und der Boden aufgerissen. Vieles ist ähnlich wie bei uns drüben. Die Leute sind weg, auch die Einheimischen, die von anderen Inseln kommen, überall werden die Strassen neu gemacht. Trotzdem ist einiges anders. Es werden kaum Masken getragen. Boa Vista hat momentan keine Fälle mehr. Und die Bars, die noch geöffnet sind, schliessen erst um Mitternacht. Und nicht um neun. Das Leben ist relativ normal. Und vor allem frei. Es gibt auch keine zeitlichen Strandbeschränkungen. Und es gibt viel mehr Grün. So viel Grün, wie ihr es auch noch nicht gesehen habt hier.

Anita und Emanuels Garten in João Galego ist zu einem Urwald herangewachsen, überall Maracuja. Und Mama Emanuel bäckt noch immer Steinofenbrot fürs Dorf. In Funda das Figéras, wo wir schlafen, ist so viel Grün zwischen den Häusern und ums Dorf herum, Ribanna und ich standen auf einer Dachterrasse, tranken Tamarindeschnaps, häufiger Baum hier, und konnten uns kaum sattsehen.

In ein paar Stunden sollten wir eigentlich zurückfahren auf unsere karge Insel ohne viel Grün. Doch nun zieht ein Zyklon auf. Wir nennen ihn liebevoll Mattheus. Unser Schiff wurde bereits gestrichen. Und wir sind mal wieder, wie kann es auch anders sein: gestrandet.

Liebe Grüsse von der anderen Insel,
Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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