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Vera Urweider auf den aufgerissenen Strassen. © Ribanna Dittrich

Inselpost 23

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

 

Santa Maria, 5.10.2020

Lieber Sirup, lieber Martin, lieber Andreas,

säubertschuud! Das, dieses eine fiese kleine Wort – oder sind es eigentlich zwei? -, lieber Sirup, geistert seit Tagen in meinem Kopf rum. Es war Deine Reaktion damals, im vorigen Leben, im Februar, kurz bevor ich auf meine endlose Reise ging. Ich traf Dich auf der Schüss-Brücke zwischen Farel und bald Altstadt, Du standest da und assest einen Döner, oder vielleicht auch ein Sandwich, das weiss ich nicht mehr so genau, zumindest etwas Brotiges mit etwas drin und einer Sauce, die raus wollte. Du standest da auf dieser Brücke in der letzten Sonnenecke, ich steuerte auf Dich zu, weil ich Tschüss sagen wollte und dass wir das Abendessen halt auf April verschieben müssen, da ich anderntags losfahre. Wohin, fragtest Du. Südfrankreich, Marokko, Ziel Kapverden, antwortete ich. Säubertschuud, sagtest Du. Hä?, fragte ich. Du lachtest. Du würdest doch
halt auch gerne genau das machen und damits weniger schlimm ist, dass Du jetzt das eben nicht machen könnest, sagest Du halt säubertschuud.

Heute hat diese saloppe Bemerkung eine ganz neue Bedeutung bekommen. Ja, Du hast total recht! Ich bin säubertschuud, dass ich auf dieser Insel festsitze. Wäre ich damals nicht los, auf die Reise, hätte ich einfach
mit Dir auf der Brücke in der Sonne gestanden und in etwas Brotiges mit viel Sauce gebissen… Lustigerweise ist mir dieses Säubertschuud erst wieder eingefallen, als es in mir angefangen hat komisch zu werden. Die Frage nach dem «Wie lange noch» und dem «Was eigentlich danach», die begannen erst so vor zwei Wochen. Als ich feststellte, dass die Insel nun wirklich immer leerer wird. Und die Menschen, die hier bleiben, hoffnungs- und zukunftslos, träge und apathisch werden. Resignieren. Sie lassen einfach zu, dass hier nichts ist und nichts kommt. Sie gehen nicht auf die Strasse und werden nicht laut.

Santa Maria, ein Städtchen auf Sand gebaut. Wortwörtlich. Totalst abhängig vom Tourismus, der seit Mitte März ausbleibt, geschieht hier nichts mehr, die Menschen haben keine Arbeit. Die von anderen Inseln gekommen waren, um hier ihr finanzielles Glück zu suchen, sind alle auf ihre Heimatinseln zurück. Minimum 5000 Menschen. Kein Lohn, keine Miete, kein Essen. Der Staat hilft höchstens knappstens. Er reisst lieber Strassen auf, Pflastersteine und Teer weg, weil jetzt sieht es ja keiner, wenn keiner da ist, da kann man ja Wasserleitungen, die durch den Sand führen, flicken. Und wo die ganzen Gelder hinfliessen, die von der Afrkanischen Bank, der WHO, der EU, der Amerikanischen Bank undundund kommen, das sieht man auch nicht.

Lieber Martin, lieber Andreas, ihr hattet im April auf meinen zweiten Inselbrief gefragt, wie die politische Lage sei, wie viele Parteien systemrelevant seien und wie es um die Korruption stehe. Ich mag dieses Wort nicht, aber ich versuche zu antworten. Ich hatte mir diese Inputs notiert. Hilflos suchte ich im internationalen Korruptionsinsdex nach den Kapverden und fand den Inselstaat auf demselben Platz wie Italien. Mehr Information hatte ich nicht. Und ein Gefühl schon gar nicht, nach so kurzer Zeit nur. Heute weiss und fühle ich etwas mehr. Heute kann ich die Sprache der Einheimischen und kann ihnen zuhören. Heute haben sie Vertrauen in mich und erzählen. Belegen kann ich noch immer nichts, dafür müsst’ ich weitergraben, im Dunst der verwirrenden und widersprüchlichen Informationen.

Da wurden zum einen gerade wieder alle Flüge von Oktober und November gestrichen. Gleichzeitig hat Jerzy einen Vertrag erhalten, mit Arbeitsbeginn am 16. Oktober. In einem Hotel. Die Informationen, dass wohl nun doch bald die Grenzen öffnen, werden häufiger. Ende Oktober sind Kommunalwahlen, übrigens, Martin, es gibt zwei starre Hauptparteien und ein paar interessante Alternativparteien, mit jedoch sehr wenig Chancen, da die Jungen hier nicht wählen. Oder kaum. Es wird spekuliert: Die Grenzöffnung sei kurz vor den Wahlen, sodass man die zurzeit regierende Partei wiederwählt, weil sie ja dann in letzter Sekunde vor dem Hunger gerettet hätte. Das ist das, was ich bislang auf der Strasse erfahren habe.

Liebe Grüsse von der Insel,
Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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