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Nur Wasser und Salz: Vera Urweider in der Weite der Salinen.© Ribanna Dittrich

Inselpost 24

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 12.10.2020

Cara Mamma,

als ich vor einem halben Jahr Dir und Nonna einen Brief zum (Gross)muttertag schrieb, hätten wir alle nicht gedacht, dass ich im Oktober noch immer auf meiner Insel sitzen würde. Ich schrieb darin unter anderem, Du erinnerst Dich bestimmt, dass es ganzjährig immer irgendwo Muttertag sei und dass jeweils der zweite Montag im Oktober der malawische sei und wir doch dann einfach nachfeiern, weil tags zuvor ja Dein Geburtstag sei. Ähä. Wie schön, dass wir gestern wenigstens kurz Zeit gefunden haben, uns zu sehen. Von Handy zu Handy, von Atlantikinsel zu Hasliberg, verpixelt und viel zu klein. Aber immerhin, ich konnte Dir an Deinem Tag wenigstens gefühlt ein bisschen nahe sein. Nach dem Gespräch entschied ich mich dann, etwas zu tun an diesem gestrigen Geburtstagssonntag, was ich mit Dir machen würde, wärest Du da.

Ich holte Freundin Ribanna mit Hund Kuishi ab und gemeinsam spazierten wir aus Santa Maria raus, weg vom Meer, da wo das Dorf erst immer ärmer wird und quasi kein Stein mehr auf dem anderen liegt, keine herausgeputzte Touristenfassade, bis es sich schliesslich ganz in der dahinterliegenden Wüste auflöst. Nach Müll und Leere öffnet sich dem Blick dann langsam eine unglaublich weite und weisse Salzlandschaft. Wir sind in den inselnamensgebenden Salinen. Weiter nördlich, bei Pedra de Lume, da ist Sals Vorzeigesaline mit dem morbiden Holzzug, wunderschön im grossen Vulkankrater. Tui-Bus nach Tui-Bus. Eintritt fünf Euro. Dusche ein Euro. Salzkristall zwei Euro. Doch diese Salinen hier, die liegen einfach da. Kein Kassenhäuschen, kein Mensch. Nur Wasser und Salz. Und etwas Staub.

Ich erinnere mich an die vielen verschiedenen Erdlöcher, die wir auf unseren Familienreisen jeweils aufgesucht haben. Entweder sprudelte da heisses Wasser aus der Erde oder ein Fango-Tümpel stank vor sich hin und lud so gar nicht zum Schlammbad ein. Doch überall musste mitgebadet werden, selbst als Sibill noch klein war und es vielleicht gar nicht so lustig fand, weil es auch mal etwas in offenen Wunden brennen konnte. Das ist gesund für Haut und Gelenke, meintest Du immer, zerstört höchstens den Bikini, also blieben wir. Eingeschlammt und eingeschwefelt von oben bis unten. Lustige Fotos davon kleben in Alben.

Hier kann man sich nicht einschlammen. Hier kann man sich einsalzen. Also quasi pökeln. Schwefeln tuts manchmal auch, aber nur noch wenig, Sal hat ja keinen aktiven Vulkan. So sprudelt das Salinenwasser auch nicht rastlos aus dem Boden, sondern drückt laaaangsam rauf und liegt dann einfach da. Meist knöcheltief. Wind und Sonne sorgen dann dafür, dass sich das Salz in wunderschönen Formationen anerdet und still vor sich hintrocknet. Sitzt man dann da, schmiert sich ein mit dem Salinenwasser, spürt man irgendwann, wie es leicht zieht auf der Haut und die Salzpartikel zum Vorschein kommen. Natürlich, da wo das Wasser etwas tiefer ist, schwimmt man sehr gemütlich wie ne Boje obenauf. Ob die Haut nach dem Bad auch wirklich feiner ist oder es nur so scheint, weil das körnige Salz irgendwann dann abgeduscht wurde, das weiss ich nicht. Aber es ist ein tolles Erlebnis, in der weissen Weite und der leisen Stille. Ich bin überzeugt, Du würdest es lieben!

Gestern war übrigens nicht nur Dein Geburtstag, Mamma, sondern auch der letzte Isolationstag der Kapverden. Ganze sieben Monate waren die Landesgrenzen geschlossen, wir komplett abgeschottet. Heute, Montag, 12. Oktober 2020, öffnet die Regierung die Grenzen. Was das bedeutet und was jetzt passieren wird, das wissen wir alle nicht. Viele freuen sich, weil sie hoffen, dass jetzt wieder Touristen kommen, also Arbeit. Aber Europa macht ja gerade wieder dicht – wer soll denn da kommen? Ich bin gespannt. Die ersten direkten Flüge von hier nach Europa sollen irgendwann im November stattfinden. Dieses Gefühl, dass ich da nun bald wieder ganz normal entscheiden kann, wann und wo und wie ich irgendwohin will, macht mich fast ein wenig nervös. Es ist ein lustiges, komisches Gefühl. Ich muss es aber noch genauer erspüren und wirken lassen, um es dann vielleicht mal richtig beschreiben zu können.

Liebe Grüsse von der Insel,

Deine Vera

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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