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30, 50, 70 Minischildkröten wuseln durch den Sand.© Berta Renom

Inselpost 25

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 19.10.2020

Lieber Hans-Jörg, lieber Carlo, liebe Susanne, lieber Urs, liebe Annette, liebe Verena,

als erstes fällt der Sand etwas in sich zusammen. Man merkt es kaum. Aber auf einmal ist da ein Loch, eine leichte Wölbung nach innen. Quasi aus dem Nichts. Dann weiss ich, irgendwann diese Nacht wird es so weit sein.

Ein schwarzer Fleck. Ein Stein? Ein vertrocknetes Stück Pflanze, das in der Nacht schwarz scheint? Oder ein Köpfchen? Flösschen? Der Schnabel? Es dauert. Es bewegt sich nichts. Und doch, wenn ich eine halbe Stunde später vorbeigehe, sind da plötzlich zwei schwarze Flecken. Oder drei? Oh. Ein Zucken? Sand rieselt. Fleck Nummer vier? Da wo vor einer halben Stunde noch Fleck eins war, erkenne ich nun ganz klar ein mit Sand verklebtes Auge. Daneben lugt eine Miniflosse durch den Sand. Die Ersten, die Nestpioniere, scheinen erschöpft, schlafend, warten auf die Letzten. Überleben können sie nur gemeinsam.

Und plötzlich geht es los! Von unten stossen immer mehr und mehr Tierchen empor, wollen aus den Eiern, aus dem Sand, in die kapverdische Nacht, ins Leben. Die Oberen werden von den Unteren aus ihrem tranceartigen Schlaf geweckt. Bald bin ich chancenlos. Kein Überblick.


30, 50, 70 Minischildkröten wuseln durch den Sand. Zum Glück bin ich in der Brutstation, das Nest ist umzäunt, sonst würde mir ganz sicherlich das eine oder andere Tierchen entwischen. Sie sind flink, sie sind 
quirlig und sie haben nur ein Ziel: ab ins Meer.

Im Brief vom 3. August hab ich über meine Arbeit mit der NGO Project Biodiversity und den Eier legenden Mamaschildkröten geschrieben. Diese Periode ist jetzt vorbei, jetzt wird wild geschlüpft. Ihr, liebe Susanne, lieber Urs, liebe Annette und liebe Verena, habt mir sogleich geantwortet damals. Ihr schriebt mir von Momenten, die gedankliche Begegnungen mit einer Schildkröte auslösen, vom Schildkrötenpaar im Garten, vom Schwimmen mit türkischen Schildkröten und vom Schildkrötenbeobachten im Oman und gar hier auf Sal. Da seien aber so viele Menschen gewesen, dass die Muttertiere oft unverrichteter Dinge zurück ins Wasser geflohen sind. Dieses Jahr waren hier so wenige Menschen, dass es nicht nur eine Eierlegeflut gab und wir niemals alle Nester entdecken konnten. Leider vermochten wir auch nicht alle Tiere vor hungrigen Menschen zu schützen – wir gehen von über 200 gejagten Tieren aus – und Project Biodiversity muss versuchen, mit einer Nestadoptions-Challenge die finanziellen Einbussen zu schmälern. Wir verzeichnen nun auch einen gigantischen Nestrekord. Stand heute: 26 824. Vergleich mit dem Rekordjahr 2018: knapp 15 000. Brutsta­tionen dieses Jahr: sechs. Normalerweise: zwei bis drei.


Zum Glück, muss man sagen. Denn bis die winzigen Tierchen von ca. drei Zentimeter mal ihre durchschnittlichen 80 erreichen und von einer ungemessenen Leichtigkeit ihre gut 100 Kilo, vergehen nicht nur etwa 25 Jahre, sondern 999 von 1000 überleben nicht. Mit anderen Worten: 1 von 1000 wird erwachsen und dementsprechend fortpflanzungsfähig. Um also 25 25-jährige Schildkröten zu haben, müssen 25000 geschlüpft gewesen sein. Oder für diese gut 200 getöteten alleine in diesem Jahr, mussten damals mindestens 200000 geschlüpft sein. Ich könnte diese Rechnung immer weiter treiben, sie wird schlicht nicht besser.

Ja, Meeresschildkröten scheinen zu faszinieren: Carlo, Du sagtest, ich hätte bereits als Kind in Spanien welche bestaunt - auf das Beweisvideo warte ich sehnlichst. Und Hans-Jörg, Du skizziertest kurzerhand zwei Schildkröten auf zwei Zettel, die ich dann bei meiner Rückkehr haben darf. Du maltest gerade an einem Unterwasserbild, rote und blaue Fische, Oktopus, Krokodil und vorgestern schriebst Du mir, «liebe Inselschreibende», das Bild, 189 auf 125 Zentimeter habe jetzt auch zwei Schildkröten und sei so ganz plötzlich fertig und heisse nun «Lagoa de Vera». Verrückt. Ich danke.

Liebe Grüsse von der Insel,

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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