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Vera Urweider mit Ribanna und deren Hund Kuishi: Sie sehen einander beinahe täglich.© Antonella Fabiani

Inselpost 27

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 2.11.2020

Liebe Céline, liebe Marielle,


was hast Du da ausgelöst, liebe Marielle! Diese vergangene Woche, die war richtig verrückt. Am Samstag hattest Du mich gefragt, ob Du fürs Radio SRF 1 mit mir telefonieren dürftest, ob wir über die Inselzeit und meine «Inselpost» sprechen könnten. Ein kurzer Beitrag bloss und ein Artikel online, mit ein paar Bildern, klar, sagte ich. Montag telefonierten wir dann, drei Stunden und 47 Minuten, Dienstag war das Ganze bereits gesendet und online. Und dann hatte ich plötzlich ganz viel zu tun. Ganz viele Fragen tauchten auf. Ob es mir gut gehe, da auf der Insel. Vorschläge, was ich noch alles tun könnte, ein soziales Projekt beispielsweise solle ich doch auf den Kapverden kopieren. Persönliche Glückszufälle wie Lilian, die mich über Facebook wiedergefunden hat, eine Brieffreundin aus Teenagerzeiten. Sie heisst heute wie ihr Mann zum Nachnamen. Hätte ich nach ihr gesucht, ich hätte sie nie gefunden. Menschen, die sagten, sie läsen bereits seit April mit. Auf einmal schreibe ich für fassbare Lesende, die weit über Familien- und Freundeskreis und über die BKA-Leserschaft hinausgehen. Lasse sie teilhaben an meinen persönlichsten Gedanken.

Und plötzlich merkte ich, was sich schon seit einem Weilchen, seit ein paar Wochen, in mir anbahnte: Die «Inselpost» ist keine blosse Idee mehr. Sie existiert. Sie ist gewachsen. Sie ist Abenteuer, Arbeit und Aufgabe zugleich. Ein Gedanke knüpft an den nächsten, ich entdecke immerzu Nichterzähltes. Ich fühle mich ihr verbunden, gar verpflichtet. Ich stecke mittlerweile so tief drin, vielleicht ist das gar mit ein Grund, dass ich noch nicht gehen kann. Ich bin hier schlicht noch nicht fertig.

Wenn ich dann so dasitze, in meinen sturmen Gedanken, dann schreibe ich Ribanna. Wir wohnen zirka dreissig Sekunden auseinander. Einmal über meinen Innenhof, quer über die Strasse, um die Ecke, dann springt mir schon Hund Kuishi entgegen. Wir sehen uns fast täglich. Versuchen uns auch mal in Ruhe zu lassen. Klappt meistens nicht. Auch nach fast acht Monaten. Sie ist es, die mich auffängt, wenn ich nicht weiss, was ich nun tun soll. Denn ja, zweifelnde Momente gibt es. Beidseits. Sie ist es, die mir Fragen stellt, die auch mal ein bisschen weh tun. Sie ist es, die einfach schweigt. Die mich täglich besucht hat, als ich mit Salmonellen im kalten Fieber lag und dachte, ich verabschiede mich jetzt. Und ich war es, die wiederum sie zum Arzt begleitet hat. Die sie aus ihrem Loch gezogen hat, als sie isolationsmüde war, gar nicht mehr lachen wollte. Die sie nach Boa Vista schleppte, um Neues zu sehen. Die sie auf ihren Kuishi-Spaziergängen begleitet. Und die ihr schmerzhafte Fragen stellt.

Gleichzeitig war sie es, die mich mit vielen anderen Menschen verknüpfte. Und die mich eben auch vergangene Woche ab und an vom Laptop zum Kaffee entführte. Sie wird etwas von dem sein, was mir aus dieser Zeit bleiben wird. So eng wir momentan aufeinandersitzen, wird das auch die irgendwannige Distanz aushalten. Vielleicht ein bisschen so wie bei euch, liebe Céline und Sibill.

Klar, eure Geschichte ist eine ganz andere. So wie jede Geschichte eine eigene ist. Ihr seid zusammen aufgewachsen. In derselben Strasse, derselben Schule, mit demselben Klavierlehrer, auf denselben Bäumen. Sibill erzählte immer, sie habe bereits bei der ersten Begegnung, an Deiner Zipfelmütze bloss, erkannt, dass ihr ihr seid. Dann zog Sibill von Biel erst nach Helsinki, dann nach Bern, und jetzt bist Du, nach vielen langen Reisen, in Mexiko und baust Dir Dein Leben dort. Doch eure Bindung, die bleibt.

Meine Geschichte mit Ribanna ist viel jünger als eure. Doch sie faszinierte mich von Anfang an. Meeresbio­chemikerin ist sie, nicht -biologin. Wer fragend guckt, bekommt «Plankton» zur Antwort. Sie hat zeitlebens auf Inseln gelebt. Aufgewachsen auf Langeoog, kurze Erstausbildungszeit in Hamburg, der Stadt, die auf mehr Inseln gebaut ist als Venedig, Studium in Schottland, Forschungsreisen in die verschiedenen Eismeere, und nun: Sal. Céline, übermorgen ist Dein Geburtstag. Es ist auch Ribannas.

Liebe Grüsse von unserer Insel,

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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