mitgliederwerden grey iconMitglied werden
Archiv
Vera Urweider: «Verloren in den Taschen».© Vadu Silva

Inselpost 28

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Santa Maria, 9.11.2020

Liebe Rebi, liebe Nadja, liebe Veronica,
liebe Lara, liebe Joanie,


vorgestern war ich bei Noy und verlor mich in ihren Taschen. Und in ihren Erzählungen.

Seit ein paar Jahren lebt sie irgendwo zwischen Europa und Santa Maria. Die Mutter aus Israel, der Vater Ecuadorianer, in Holland geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen, hat Soziale Arbeit studiert. In der Freizeit ging sie tanzen. Und da lernte sie Frauen aus Cabo Verde kennen, einem Land, das sie zuvor so gar nicht auf dem Radar hatte und sie jetzt kaum mehr loslässt.

So fügte sich das Eine zum Anderen. Die Mittänzerinnen längst Freundinnen, das Interesse am Inselstaat gewachsen. Als es darum ging, damals, für ihre Ausbildung Praxiserfahrung zu sammeln, wollte sie ein Praktikum, das sie herausfordert. Vielleicht sogar an ihre Grenzen bringt. Etwas Neues. Daraus folgte schliesslich ihre erste Reise nach Sal und eine Anstellung im hiesigen Gefängnis.

Heute, ein paar Jahre später, ist sie noch immer hier und arbeitet unter anderem noch immer mit dem Gefängnis zusammen - doch in einer anderen Rolle. Vor einem Jahr gründete sie das Label «Handmade in Prison». Ein Label, unter welchem sie Handarbeit, Design und Resozialisierung unter einen Hut zu bringen versucht: Männer und Frauen, die ihre Haftstrafe verbüssen, machen Taschen. Einen Teil des Erlöses geht an die Gefangenen, da diese im Gefängnis für das Nötigste selber aufkommen müssen. Zahnbürste, Toilettenpapier, Schuhe, Kleidung. Ein anderer Teil geht an die Familien der Gefangenen, denn diese bringen Essen. Und sie bringen auch die Stoffe für die Taschen. Nun will Noy expandieren. Eine erste Zusammenarbeit gab es schon mit dem Gefängnis auf Santiago. Die Kulturinsel São Vicente ist ihr nächstes Ziel.

Ich verlor mich also in diesen Taschen. Jede einzelne ist ein Unikat, oft gibt es die passenden Ohrringe dazu. Handarbeit. Mit sehr viel Geduld und Sorgfalt gemacht. Violett mit grünen Pflanzenprints, klassisch blau, orange mit türkisem Rundmuster, mal floral, mal kubisch, mal grösser zum Umhängen, mal kleiner als Clutch. Noy versucht jeweils den Kontakt zu halten, wenn jemand aus dem Gefängnis entlassen wird. Sie möchte, dass die Menschen weiterhin für ihr Label arbeiten. Als Hilfe, als Struktur wieder in den Lebensalltag einzusteigen. Doch das sei schwierig, einmal draussen, ist die Ablenkung gross. Man müsste einen Raum schaffen, eine Art Atelier, wo sie regelmässig vorbeikommen und arbeiten könnten. Und das ist nur eines von vielen weiteren Projekten, an denen Noy herumhirnt. Da wäre zum Beispiel auch, ganz im Digital-Nomad-Stil, ein Co-Working-Space. Sal ist so touristisch. Und es gibt wirklich keinen einzigen Arbeitsraum für all die reisenden Indenlaptopstarrenden. Keinen Raum mit genügend Steckdosen. Funktionierendem W-Lan.

Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Ich schreibe euch, liebe Rebi, liebe Nadja, diesen Brief, da euch etwas Ähnliches wie Noy antreibt in eurem Tun. Lange hast Du Dich, Rebi, für Kinder und Erwachsene eingesetzt. Während der zehrenden Arbeit Deinen Master in Sozialer Arbeit gemacht und nie den Sinn für ein gutes Konzert oder Theater verloren. Du, Nadja, hörst in einem Berner Jugendtreff Jugendlichen zu, wenn sie reden wollen. Dir wiederum hört man zu, wenn man Radio RaBe einschaltet. In Deinem Brief an mich von Ende April schriebst Du «desperate-for-nightlife». Du wolltest damals schon wieder dringend raus aus den eigenen vier Wänden, rein in die schwitzenden Tanzmassen - wie geht es Dir heute?

Ich schreibe auch euch, liebe Veronica, liebe Lara, liebe Joanie, weil ich von euren Labels genauso überzeugt bin wie von «Handmade in Prison». Kein Wunder, Veronica, sind Deine Ohrringe von «Vanto» bereits in der «British Vogue» erschienen. Sehnlichst warte ich ohrlochlos auf die erste Clip-Linie! Lara, Du hast mal wieder viel Glitzer und Glamour in Deine aktuelle Upcycling/Recycling-Kollektion von Taschen und Oberteilen gebracht. «Récups» nennst auch Du, Joanie, Deine Kreationen. Seit vergangenem Mai nähst Du unter dem Label «CoCo Création» massgeschneiderte Kleider, Taschen, Etuis aus alten, aussortierten Kleidungsstücken und Stoffen. Gutes braucht die Welt! Ich danke euch.

Liebe Grüsse von der Insel,
Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

Inselpost 1
Inselpost 2
Inselpost 3
Inselpost 4
Inselpost 5
Inselpost 6
Inselpost 7
Inselpost 8
Inselpost 9
Inselpost 10
Inselpost 11 
Inselopst 12
Inselpost 13
Inselpost 14
Inselpost 15
Inselpost 16
Inselpost 17
Inselpost 18
Inselpost 19
Inselpost 20
Inselpost 21
Inselpost 22
Inselpost 23
Inselpost 24
Inselpost 25
Inselpost 26

Inselpost 27

Folgen Sie uns

Anmeldung Newsletter

Wetter in Bern

laden