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Vera Urweider schreibt den 3. Brief von der immer noch virenfreien Insel Sal.© Thomas Kromer

Inselpost 3

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 27.4.2020

Liebe Leschia,

da hat mir doch ein Kuhreiher von der grünen Wiese hinter meinem Haus etwas zugeflüstert: Du hast morgen Geburtstag. Und noch etwas hat er mir verraten: Du liebst Briefe. Und Rätsel.

Zum Glück, dachte ich, schreib ich ja gerade wöchentlich einen Brief von meiner Insolation. Ich bin auf der kapverdischen Insel Sal - und hier kommt bereits ein Rätsel: Wieso heisst die Insel so? Den heutigen Brief widme ich also dir. Und anderen Geburtstagskindern, die während des Ausnahmezustandes nicht wie gewohnt feiern können.

Ich weiss gar nicht, ob du dich an mich erinnerst. Dein Vater war der erste Klavierlehrer meiner Schwester. Sibill ist heute 28, also doppelt so alt wie du morgen wirst. Wir waren beide noch Kinder, als dein Vater bei uns zu Hause ein und aus ging, kannten ihn, noch bevor er deine Mutter kennengelernt hatte. Ich erinnere mich an kreative Stunden, wie er meiner Schwester die Welt der schwarz-weissen Tasten beibrachte. Zu Beginn sollte sie Sterne zeichnen. Einen roten, einen blauen und einen grünen oder so. Und dann sollte sie die Sterne spielen. Jede Farbe, jeder Stern, sollte seine Melodie bekommen.

Wenn ich so nachdenke, wie das damals war, als Sibill 5 war und ich etwas über 10 oder 11, so habe ich überhaupt keine Angst um deinen Geburtstag. Ich bin mir sicher, deine Eltern und deine Geschwister werden ihn unvergess­lich machen. Ich frage mich, was dir am meisten fehlen könnte am morgigen Tag. Wahrscheinlich deine Freunde. Das ist es ja, was in dieser merkwürdigen Zeit wohl das Schwierigste ist. Dass man sich nicht einfach so um den Hals fallen kann. Dass man sich nicht einfach mal kurz treffen kann, in einem Café sitzen. Dass man sich bei Gesprächen nicht wirklich gegenübersitzt und so lange spricht oder schweigt, bis man sich vergisst. Denn das macht ein gutes Gespräch doch aus: Dass man sich auch einfach mal wieder vergisst.

Ich bin froh, habe ich in den vergangenen sechs Wochen, in denen ich hier schon gestrandet bin, interessante Menschen kennengelernt. Auf, erst fremden, nun freundschaftlichen, Terrassen gesessen. Getrunken. Gegessen. Gelacht. Und mich in Gesprächen vergessen.

Beim Musizieren, da geht das ja auch ganz gut. Sich vergessen. Was spielst du nochmal? Gitarre? Und beim Schreiben. Da passiert es mir immer wieder, ich vergesse mich in den Worten und merke, alles was ich zuvor gedacht hatte, kann ich so nie zu Blatt bringen. Beim Schreiben denke ich anders. Da vergesse ich mich und meine (zu) vielen Gedanken, die Finger kanalisieren Gedachtes und Erlebtes und am Ende steht da was auf der zuvor noch weissen Seite. Als würde ich die Augen schliessen und den Bewegungen über der Tastatur freien Lauf lassen. Oder dem Stift in meiner rechten Hand.

Vielleicht sind Briefe ja genau etwas dazwischen. Irgendwo zwischen einem schlichten Text und einem persönlichen Gespräch. Eine Aneinanderreihung von Buchstaben und Worten, meistens schwarz auf weiss, die wir mal gelernt haben oder auch gleich neu erfinden, die, je nachdem, wie man sie würzt und zusammenstellt, oder trennt, auslässt oder verdoppelt, oder einfach, was man damit erzählen will, das Gegenüber sehr berühren können. Liebe Leschia, warum magst du so gerne Briefe?

Seit zwei Wochen schreibe ich hier welche. Es verleiht mir eine Struktur in meinem Inselleben. Ich staune, wie viele Menschen, bekannte, wie auch mir unbekannte, darauf reagieren und antworten. Ich habe sogar eine Mail aus Ungarn erhalten. Und einen handgeschriebenen Brief.
Es scheint, als würden die Menschen in der momentanen Zeitlupe des Lebens zurück zum Brief finden.

Liebe Grüsse von der Insel
Vera Urweider

PS: Unser insulärer Ausnahmezustand endet heute. Wir sind noch immer virenfrei. Restaurants und Bars dürfen wieder richtig offen sein (nicht nur der Bäcker, der zur Tagesroutine wurde) und wir dürfen wieder grundlos raus. Irgendwie bin ich etwas nervös, vor dieser Normalität.

 

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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