mitgliederwerden grey iconMitglied werden
Archiv
Vera Urweider schaukelt auf dem Katamaran in der Bucht von Mindelo.© Peter Grupp

Inselpost 30

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

 

Santa Maria, 23.11.2020

Liebe Catherine, lieber Stöh, lieber Ätti, lieber Jean-Eric, lieber Theo, lieber Walter, lieber Housi, lieber Christoph,

ruhig schaukelt es hin und her, so sanft, leicht, weich. Dann ruckelt es heftiger. Dann schaukelt es weiter. Ruhig. Sanft. Leicht. Weich. Ich wache langsam auf. Schaue direkt aufs Wasser. Unzählige Segelboot-Maste spiegeln sich, leicht zitternd, in Wellenlinien liegen sie auf dem Wasser. Es schaukelt noch immer und für immer, immer, ruhig, sanft, leicht, weich.

Fast eine Woche hatte ich auf Sabines und Zoltans Katamaran geschlafen, im Hafen von Mindelo, São Vicente. Seit gestern bin ich zurück auf Sal, in Santa Maria, und irgendwie schaukelt es noch immer. Die Wohnung erschien mir riesig bei der Rückkehr, kein Wunder, nach dem Kojen-, Cockpit- und Mini-Toilettenleben, Wohnen auf engstem Raum, zu viert, denn Freund Peter war auch mit an Bord. So hab ich, lieber Christoph, also Deinen Bruder kennengelernt. Vieles erinnert mich an unsere Camper-Reisen, lieber Ätti, die praktische Einrichtung, die schlau durchdachten Kombinationen aus Stauraum und Schlaf- oder Sitzplatz, das Geräusch, wenn die Wasserpumpe pumpt, die Luke über dem Kopf im Schlaf, die Gemeinschaftsdusche in der Marine oder auf dem Campingplatz. Doch hier wird der Strom mit Solarpanels gewonnen, so weit sind wir mit dem Camper (noch) nicht gekommen.

Wie ist das eigentlich, wenn ihr euch manchmal zu dritt zum Kafi trefft, lieber Ätti, Jean-Eric und Theo, plaudert ihr da auch über euer ehemaliges Kollegium? Irgendwie wart ihr ja schon eine rächt eingefleischte Truppe damals. Ihr alle habt lange in Biel gearbeitet, Sabine, die jüngste von euch, war knapp 25 Jahre im Team. Es ist lustig, dass ich jetzt hier in diesem kapverdischen Hafen auf ihrem Boot mitleben durfte. Ich kenne sie ja eigentlich nur vom Unterricht, gemeinsam mit euch lieber Walter und lieber Housi. Sie hat mir viel erzählt von mir als Kind und auch von Sibill, Dinge, an die ich mich so nicht mehr erinnerte, hat mir Fotos gezeigt von damals, die sie auf ihrem Tablet hat. Das ununterbrochene Schweizerdeutsch war mir ein Zuhause. Wir haben viel gelacht. Ich wusste gar nicht, dass so viel Schalk in dieser zierlichen Person steckt. Wie lustig und beweglich sie ist und von der Stille Zoltans gleichermassen kontrastiert und ergänzt wird. Lustig ist auch er. Trocken sein Humor.

Seit Mai 2019 leben die beiden auf ihrem iCat, dem schwimmenden Zuhause. Haben Wohnung und Arbeit gekündigt und segeln dahin, ,wo sie der Wind hinträgt. Angefangen auf Rügen schlichen sie der schwedischen, norwegischen und dänischen Küste entlang, dann alles runter an Deutschland, Holland, Belgien, England und Frankreich vorbei, wo sie dann von Corona gestoppt und quarantäniert wurden. Nach dem Lockdown ging im Juli die Reise weiter. Spanien, Portugal, Kanaren und schliesslich die Kapverden. Du segeltest eine Woche mit ihnen mit, liebe Catherine, liebäugeltest gar mit der Atlantiküberfahrt, der wilde Golf von Biskaya sei Dir dann aber Abenteuer genug gewesen. Lieber Stöh, Du schriebst mir lustigerweise genau letzte Woche, dass die Truppe von «Vendée Globe» bei mir vorbeisegeln würde, runter in den Süden. Sabine und Zoltan haben sich auf den Kanaren der «ARCplus» angeschlossen. Nicht runter, sondern rüber. In den Westen.

Ja, mit der Atlantiküberfahrt hab ich auch plötzlich zu liebäugeln begonnen. Hier alles stehen und liegen lassen, einfach mit, rüber, aufs Meer, in den Wind, bis irgendwo drüben in der Karibik plötzlich wieder Land auftauchen würde. Der romantische Teil in mir glühte kurz und heftig. Der realistische hingegen schickte mich zurück nach Sal. Doch wegen Verschleppung der PCR-Testresultate und einer wohl leicht Corona-überforderten «ARCplus»-Organisation, hat das Trio Mindelo noch immer nicht verlassen. Mal sehen, wann und ob es also überhaupt über den Atlantik geht. Vielleicht denken sie ja um und bleiben auch noch etwas kapverdisch.

Liebe Grüsse von der Insel,
Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

Inselpost 1
Inselpost 2
Inselpost 3
Inselpost 4
Inselpost 5
Inselpost 6
Inselpost 7
Inselpost 8
Inselpost 9
Inselpost 10
Inselpost 11 
Inselopst 12
Inselpost 13
Inselpost 14
Inselpost 15
Inselpost 16
Inselpost 17
Inselpost 18
Inselpost 19
Inselpost 20
Inselpost 21
Inselpost 22
Inselpost 23
Inselpost 24
Inselpost 25
Inselpost 26

Inselpost 27
Inselpost 28
Inselpost 29

Folgen Sie uns

Anmeldung Newsletter

Wetter in Bern

laden