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Vera Urweider mit ihrer Inselfreundin Carmen und ihrem Ersatz-Neffen Lucas. © Ribanna Dittrich

Inselpost 31

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 30.11.2020

 

Lieber Timon, lieber Lionel

vorgestern, also vor zweimal schlafen, hab ich fast einen ganzen Tag mit Carmen und Lucas verbracht. Eigentlich waren wir bloss zum Zmorgenessen verabredet. Doch dann, wie so oft, bleibe ich mit Carmen in Gesprächen hängen, die eigentlich nie ganze Sätze beinhalten, da Lucas immer wieder dazwischenquiekt. Oder den Orangensaft umkippt. So werden eben die Gespräche gedehnt bis über den Mittag hinaus, bis alles, was gesagt werden will, gesagt ist, bis zum Pool und weiter zum Strand und den Felsen. Oder bis Lucas wieder Hunger hat.

Vor ein oder, nein, ich glaube schon zwei, oder sogar schon drei, Monaten wurde Lucas zwei Jahre alt. Er ist nun also ungefähr so alt, wie ihr es wart, als ich schon fast vor einem Jahr auf die grosse Reise ging. Die Zeit fliegt! Das merkt ihr wohl kaum. Geniesst diese Schwerelosigkeit. Wenn ihr denn wisst, wie das geht. Mir fällt da nämlich gerade ein, dass meine Schwester und eure andere Tante, Sibill, als sie klein war, immer alles ganz schnell machen wollte. Geduld war nie ihre Stärke. Und irgendwann hatte unsere Mamma ihr beim Essen gesagt, sie solle es doch mehr geniessen. Klein­sibill machte grosse Augen und fragte, wie geht das?

Vergangenen Montag, also genau vor einer Woche (viel mal schlafen), wurdest Du, lieber Timon, schon drei. Und überübermorgen, also noch dreimal schlafen, machst Du, lieber Lionel, es Deinem zehn Tage älteren Cousin gleich nach. Und ich denke still bei mir: Ich hab schon fast ein Jahr von eurem Älterwerden verpasst (ganzganzganz viel mal schlafen!). Das ist ein Drittel eures bisherigen Lebens. Das ist eine Zeit, in der so viel passiert. Ihr lernt deutlicher sprechen. Ihr lernt weniger wackelig gehen. Ihr lernt vielleicht Tretvelo fahren. Oder mit Schtützredli. Trottinett? Merkt, dass euch Singen mehr Spass macht als Zeichnen. Oder umgekehrt. Oder weder noch. Ihr… wisst ihr überhaupt noch, wer ich bin? Könnt ihr meinen Namen schon richtig aussprechen? Tut ihr es überhaupt, wenn ihr mich ja nie seht? Ich bin Tante, genau wie Sibill. Aber einfach nie da. Dabei weiss ich ganz genau, wie wichtig Tanten sind. Wie viel man von ihnen lernen kann, anders und Anderes als von Müttern. Oder Vätern. Ja, bei euch und Valentin, Dein grosser Bruder, Lionel, und Dein grosser Cousin, Timon, bei euch verpasse ich wohl definitiv am meisten durch mein Inseldasein. Manchmal, wenn Sibill auf Dich aufpasst, Lionel, dann ruft sie mich an mit Video und dann sagst Du hallo und ich staune, wie gross Du schon bist.

Ich staune auch bei Lucas, wie er mich in sein Herzchen geschlossen hat. Ich kenne ihn, seine Mutter Carmen und sein Vater Jordi, nun seit acht Monaten und bekomme mit, wie ich plötzlich einen Namen habe: Vea. Wie er seine Mimik bewusster und gezielter einsetzen kann. Oder wie er sagt, er lebe in Cabolele und komme aus Seia. Carmen ist nämlich Spanierin, aus Sevilla und hatte den Kapverdianer Jordi aus Mindelo beim Schildkröten-(und später Sternschnuppen-)beobachten kennengelernt. Auch ich hab sie durch die Schildkrötenarbeit kennengelernt. Mit Jordi war ich auf Morgenpatrouillen und habe die Nester der Nacht ausfindig gemacht. Das ist richtig anstrengend. Man muss ganz früh aufstehen und dann alle Nester in Plastik­eimern zu den Niststationen tragen. Manchmal waren da so viele Nester, dass wir unter der ganz heis­sen Mittagssonne noch nicht fertig waren. Und mit Carmen hab ich viele Schildkrötenlegenächte verbracht. Da braucht es ganz viel Geduld, weil die gros­sen Tiere einen nicht sehen dürfen, wenn sie aus dem Wasser kommen und einen Nistplatz suchen. Langsam. Sehr langsam. Carmen und Jordi sind Biologen. Und sie pflanzten das Biologen-Gen Kleinlucas bereits ein.

Samstag nämlich, als wir auf den Felsen rumkraxelten, wusste er von jedem Tierchen den Namen. Bebepeisch (Bebefisch), Cacacol (Schnecke), Cacangesch (Krebs). Und die Schildkröte ist bei ihm eine Tatauga. Und eine kleine Schildkröte eine Tatauginia. Manchmal spricht er Spanisch. Manchmal Kreol. Was gerade besser passt.

Liebe Grüsse von der Insel,
Eure andere Tante Vera

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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