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Vera Urweider im bewohnten Museum.© Vadu Silva

Inselpost 36

Inselpost 36 Während Vera Urweider auf den Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Paúl, 25.1.2021

Lieber Ätti, lieber Victor,

ihr seid Donnerstagskinder, wusstet ihr das? Ein Mal 1946, einmal 1985, beide Male war der 24. Januar ein Donnerstag. Das ging mir am gestrigen Sonntag durch den Kopf, nachdem ich mit beiden von euch geburtstags­telefoniert hatte. Eigentlich könnte ich mir euch auch ganz gut als Sonntagskinder vorstellen.

Aber was heisst Sonntag schon. Das Christentum hatte ja den Ruhetag aus dem Judentum auf den «ersten Tag der Woche» gelegt, weil dann doch die Auferstehung Christi war. Der jüdische Sabbat blieb natürlich am Samstag. Und manche christlichen Glaubensgemeinschaften wie die Siebenten-Tags-Adventisten ruhen ebenso am Samstag. Was also, wenn alle ein bisschen anders ruhen, heisst denn eigentlich «Sonntag»?

Ich beziehe mich da dann lieber auf die alten Römer und geniesse die kapverdische Sonntagssonne. Am Freitag (da hat man dann auch frei?) nahm ich bereits zum dritten Mal in den letzten elf Monaten die einstündige Fähre von São Vicente auf die bergige, grüne Nachbarinsel Santo Antão. Mit an Bord: Inselpostvideofilmer Vadu. Er ist mir im neuen Jahr von Sal nach São Vicente nachgereist, damit wir die Lesung der Briefe, welche ich von diesen beiden Inseln hier schreibe, authentisch vor Ort filmen können. Das ist jedoch gar nicht so einfach, denn ich schreibe quasi gleichzeitig, wie wir filmen. Teilweise filmen wir schon und ich hab noch gar nicht geschrieben. Vorher haben wir einfach die passenden Videos zu den bestehenden Texten gemacht. Aber ich schweife ab. Eigentlich war ich ja bei der Sonntagssonne, und diese verschwitzen wir bei unserer Wanderung durchs unglaublich überwältigende Paúl-Tal. Hier haben die vulkanische Eruption und anschliessende Versteinerungen Anno dazumal ganze Arbeit geleistet. Ganz egal an welchem Tag. Und euer geburtstagstagnamensgebender Gott Donar ist ja nicht nur für Donner zuständig, sondern ist in der bäuerlichen Gesellschaft auch Schirmherr der Vegetation und der Fruchtbarkeit. Hier grünt und wächst, was die ganzen übrigen Inseln verpflegt.

Doch dazu in einem nächsten Brief. Denn eigentlich wollte ich euch mein Neust-Erlerntes erzählen. Vadu und ich sind per Zufall im Wahnon-Guesthouse gelandet. Es ist im unteren Teil des Paúl-Tals und ist das grosselter­liche Riesenhaus von Nuno Wahnon, einem 50-jähriger Kapverdianer, der lange als Tänzer, Bodybuilder und Model in New York lebte, zurückkam und nun Gäste bei sich zu Hause empfängt. Ich fragte ihn nach seinem Nachnamen und er sagte, der sei jüdisch, komme vom König Hanun, der einen Teil der jerusalemischen Mauer bauen liess. Ah!, widerfuhr es mir, darum heisse der Ort unten am Meer wohl Sinagoga? Klar!, sagte er, und die Ruine, das wäre die Synagoge gewesen.

Auf einen Schlag wurde mir klar, dass ich nach der Ent­deckung der Kapverden durch die Portugiesen im 15. Jahrhundert, nach der Handels- und Sklavenzeit der damit einhergehenden Kolonialisierung und Christianisierung aufgehört hatte zu denken, mich zu informieren. Ich wusste, dass in der neueren Zeit durch die Einwanderung vieler Senegalesen auch der muslimische Glaube auf den Inseln angekommen war. Und Ricardo erzählte mir mal, er hätte auch iiirgendwo noch jüdische Wurzeln. Aber ich bin dem jüdischen Teil der kapverdischen Geschichte nie nachgegangen. Dabei ist diese doch ziemlich relevant und durch die Einwanderung sephardischer Juden aus Spanien von Anfang an präsent. Sie waren Händler und Geschäftsleute. Später war der erste demokratisch gewählte Premierminister des Archipels ein Wahnon. Und die Menschenrechtsaktivistin, Dichterin und ehemalige Bildungsministerin Vera Duarte stammt aus der sephardischen Benrós-Familie.

Zum Glück sind wir also in einem bewohnten Museum gelandet. In einem ehemaligen jüdischen Herrschaftshaus, mit Uuumschwung. Grammophon, alte Schreibmaschine, uraltes Radio, Fünfzigerjahre-Sofa, Holztreppe - alles sehr gepflegt und detailverliebt. Nuno hat die Einrichtung seines Grossvaters einfach übernommen, wie sie war. Im Garten wachsen Bananenbäume, darunter lädt eine Badewanne zur Erfrischung und der ehemalige Kleintierstall wird zu einfacheren Zimmern umfunktioniert. In seinem Zuckerrohrfeld darf man zelten und auf der Dachterrasse sternstaunen. Ich glaube, obwohl der Plan ein anderer war, bleiben wir noch ein bisschen.

Liebe Grüsse von der Insel,
Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf den Kapverdischen in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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