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Vera Urweider im Paúltal, der Gemüsekammer der Kapverden© Vadu Silva

Inselpost 38

Während Vera Urweider auf den Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Mindelo, 8.2.2021

 

Liebe Seraina, lieber David,

ihr kennt euch meines Wissens nicht. Noch nicht. Während Du, David, mein Nachbar und vertrauter Freund bist, kenne ich Dich, Seraina, eigentlich auch nur vom Schreiben und Lesen. Du schreibst, 
ich schreibe, wir lesen uns. Ein Buch. Artikel. Und gelegentlich schreiben wir uns sogar private Nach­richten, irgendwie, weil wir irgendwann in einer gemeinsamen Schreibbubble gelandet sind und wir uns virtuell mögen. So zumindest ist meine Erklärung dieses lustigen Phänomens, das vielleicht sowas wie eine moderne, zufällige, noch sehr zaghafte, aber irgendwie ehrliche, Brieffreundschaft sein könnte.

Vor kurzem schriebst Du mir aus dem Nichts eine sehr lustige Nachricht. Du beginnst sie mit «Liebe Vera, 
das klingt jetzt vielleicht etwas komisch …». Du hättest gerade ein bestelltes Buch signiert mit Namen, 
und dann, dann hättest Du einfach gedankenverloren 
«Für Vera» in das Buch geschrieben, obwohl da ein anderer Name hätte stehen sollen. Liebe Seraina, das ist wirklich komisch. Und ich hab noch immer richtig Freude daran, dass Du mir Deinen Erstling nun nach Biel geschickt hast, wo er auf meine Rückkehr wartet und von David aus meinem Briefkasten gefischt wurde.

Ein Merci an dieser Stelle auch an Dich, lieber David. Das ist längst überfällig. So viele Menschen fragen mich immer wieder, wie ich denn das alles eigentlich mache – 
ich hab dann jeweils gar nicht wirklich eine Antwort, weil, was ist denn «alles»? Alles ist sehr viel und am Ende ja doch nichts Konkretes. Während ich hier versuche, Tag für Tag zu nehmen, und zwischen Inseln und Ideen mal leichter und mal schwerer schwebe, schaust Du, dass mein bürokratisches Schweizerleben nicht ganz im Chaos untergeht. Schliesslich hatte ich 
ja nicht eine Art Auswanderung geplant und mich dahingehend organisiert, sondern hatte alles normal weiterlaufen lassen. Ihr Helferlein zu Hause, von denen Du der Belastetste bist, seid schlicht Gold wert.

«Regenschatten». So heisst also dieses Buch, das zuhause auf mich wartet. Seraina, ich habe David empfohlen, es nicht nur zu hüten, sondern vor allem zu lesen. Nicht, weil einer Deiner Protagonisten zufälligerweise denselben Namen trägt, nein, ich bin schlicht sehr gespannt, was er darüber denkt. Selber werde ich mir ein eBook am Laptop nicht antun. Ich warte lieber.

Als mir David vom Erhalt des Regenschattens be­rich­
tete, waren wir noch auf der Luvseite Santo Antãos, im Paúltal. In der Gemüsekammer der Kapverden. Da, wo Wind und Regen aus dem Osten kommend hängen­bleiben und niedergehen. Diese nordöstliche Inselseite speichert das Wasser monatelang. Von Menschenhand in steinernen Tanks, aber auch als nimmermüder Fluss, der vom Covakrater aus nebst dem Paúltal auch die Ribeira Grande (grosser Fluss) und deren Nebental, die Ribeira da Torre (Fluss des Turmes), nährt. Aus jeder Steinritze quillt das Wasser hervor, plätschert vor sich hin. Zuunterst, wo die Vulkantäler am breitesten und flachsten sind und das Wasser am stärksten fliesst, wächst Yams. Im Flussbett. Stein auf Stein auf Stein, verlangsamen diese handgemachten Becken den Fluss und bieten tümpelhaft perfekte Wurzelgemüsebedingungen. Rohrzucker und Banane sind weiter oben terrassiert. Aquädukte lassen Wasser von Talseite zu Talseite fliessen. In der Nacht, der Sternenhimmel zum Greifen nah, hallt lauthals der Quakgesang tausender Frösche durchs Tal.

Wir trafen Roni, einen Freund Vadus. Er weiss viel 
über seine Insel. Ich lerne viel. Es gibt alleine in Xôxô, 
dem kleinen Ort am Fusse des Turmfelsens, welcher dem Turmtale den Turmnamen gibt, drei verschiedene Zuckerrohrarten und zwei Yamsgattungen. Das Yamsblatt ist wasserdicht. Die Bananenpflanze wächst einen Zentimeter pro Tag und stirbt, nachdem sie banant hat. Und den Zuckerrohrstab kann man bei jedem Ring abschneiden und neu setzen. Xôxô und der Turmfels sind von einer überweltlich anmutenden märchenhaften Landschaft umgeben, ein Gefühl der Ruhe, das schlicht kein Foto wiedergeben kann. Esel schleppen Schweres langsam den steilen Berg hinauf. Bestimmen Tritt für Tritt den Trott. Weisse Zuckerrohrbüschel wehen sanft im Wind. Und das Wasser plätschert weiter.

Liebe Grüsse von der Insel,

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf den Kapverdischen in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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