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Vera Urweider am tiefschwarzen Sandstrand von Tarrafal.© Vadu Silva

Inselpost 39

Während Vera Urweider auf den Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Mindelo, 15.2.2021

Lieber Jim,

heute genau vor einem Jahr bin ich frühmorgens aus dem Haus, hab erst die Bieler Altstadt, dann die Bieler Stadtgrenze verlassen. Der Zug schob mich zwischen Jurasüdfuss und Bielersee entlang Richtung Südwesten. Ich erinnere mich, wie das februarliche Grau müde über dem See hing und meinen genauso müden Blick durchs Fenster und in die Ferne fing. Ich hatte mich von niemandem so wirklich verabschiedet, ich wusste ja, ich würde in knapp zwei Monaten wieder zurück sein, was passiert da schon, hatte Pläne für danach. Der Zug fuhr weiter von See zu See und auch dazwischen klebte mein Kopf am Fenster, in Richtung Du, und ich dachte daran, dass ich auch Dich, lieber Jim, mal wieder besuchen kommen will, wenn ich zurück bin, besuchen, auf Deinem Gemüsehof in Gampelen.

Ein Jahr später also habe ich nun jeden Geburtstag einmal verpasst, sitze ich an diesem Brief an Dich und denke, dass sich hier auf den Westinseln auch viele Deiner Interessen vereinen. In der kapverdischen Kulturhochburg Mindelo, wo ich zurzeit wieder bin, da könntest Du Deiner Theaterleidenschaft nachgehen. Ich erinnere mich nämlich gerne daran, wie wir uns kennengelernt hatten vor knapp vier Jahren, beim gemeinsamen Theater- und Hörspielprojekt «Time for Change» in Bern. Ich frage mich, wie es Dir wohl geht? Deinem alten Pferd? Deinen Eltern? Ich erinnere mich auch gerne daran, wie ich 2018 einmal im Monat zu Dir auf den Hof fuhr und mir Städterin alles Wichtige des jeweiligen Gemüsemonates erklären liess. Deine Liebe für Kultur und Agrikultur mündete schliesslich in meinen Bildern und Gedichten, aus welchen unser «Lyrisches Bauernjahr» wurde. Ich glaube, man findet das noch immer auf Deiner Webseite. Mit wie viel Demut und Begeisterung zugleich Du jeden einzelnen Monat zu schätzen weisst – die nassen, die Dein Gemüse tränken, die heissen, die es nähren, aber auch die kalten, die Dir etwas Ruhe verschaffen.

Als Vadu und ich vor zwei Wochen auf der Nachbarinsel Santo Antão waren und nach dem vielen Grün Paúls und Xôxôs in den Westen der Insel nach Tarrafal de Monte Trigo wechselten, wusste ich, dass uns ein sehr kleiner Fischerort erwarten würde. Wenig Menschen, Touristen sowieso keine. Mit einem, so sagte man mir, fantastischen tiefschwarzen Sandstrand. Dafür sei, so unbekannt dieser Westteil zwar sei, Tarrafal berühmt. Der einzig grosse Strand überhaupt auf dieser bergigfelsigen Wanderinsel. Ein Schwarz, das tagsüber brennend heiss wird und selbst in der Nacht noch gespeicherte Sonnenwärme von sich gibt. Zusammen mit dem Dunkelgrau der hohen Felswand im Rücken hat dieses warme Schwarz eine unglaublich beruhigende Wirkung auf einen.

Doch neben diesem markenzeichenmässigen Schwarzsandstrand hat Tarrafal mir noch eine andere, für uns sehr überraschende und unerwartete Seite gezeigt. Es sei windstill und trocken dort drüben, haben sie uns gesagt. Also haben wir wohl als Letztes ein grünes Tal erwartet. Grün, das ist ja eben der Osten, da wo der Regen niedergeht, das wissen wir ja. Aber ein Tal im Westen?

Wir trafen auf Rui – ein Tarrafaller seit eh und je, spricht perfektes Französisch und wanderte wohl bereits die ganze Insel ab. Er war es, der uns ins grüne Tal schickte. Yams werde angebaut und Zuckerrohr, aber ganz anders als drüben in Paúl. Und tatsächlich, auf einmal befanden wir uns in einem Tal voller LandArt. Was drüben in Steinaufsteinbecken getümpelt wird, um den Fluss aufzuhalten, ist hier in feinsten Labyrinthen angelegt. Millimeterarbeit.

Irgendwo weit im Innern des Tales, da ist ein Wasserfall. Dieser wird zu einem relativ schmalen Fluss. Ein Teil davon wird von Rohren und Aquädukten abgefangen und in der Talmitte in einem grossen Tank gespeichert. Dieser wiederum hat einen verschliessbaren Wasserhahn. So kann der untere Talteil, da wo eben Yams wachsen soll, auch in den trockenen Monaten bewässert werden. Doch fliesst dieses Wasser dann nicht einfach planlos runter, nein. Kleinste und grössere Labyrinthe wurden angelegt, manchmal schnec­kenhausförmig, manchmal undefinierter, eckiger. Lieber Jim, Kunst und Agrikultur vom Feinsten – ich bin mir sicher, das würde auch Dir gefallen!

Liebe Grüsse von der Insel,
Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf den Kapverdischen in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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