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Vera Urweider schreibt jede Woche einen Brief von der Insel. © Thomas Kromer

Inselpost 4

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 4.5.2020

Cara Mamma, cara Nonna,

gestern war kapverdischer Muttertag, der Mond hängt schief und ich esse Ravioli.

Nonna, in vier Tagen wirst Du 95. Es ist der erste Deiner Geburtstage, den wir nicht gemeinsam feiern. Sogar als ich in Hamburg gelebt habe, verschob ich meinen Praktikumsbeginn beim «Stern» um eine Woche, kratzte mein Erspartes zusammen und reiste nach Hause, um Dich zu überraschen. Das war vor sieben Jahren, es war weder ein runder noch ein halbrunder Geburtstag und doch Grund genug für diese Reise. Eine Reise, die ich dieses Jahr nicht antreten kann.

Mamma, oft fiel der Muttertag mit Nonnas Geburtstag zusammen und wir feierten vor allem Letzteren. Geschenke, die ich in der Schule gebastelt hatte, blieben im grosselterlichen Haus, Nonna ist ja schliesslich auch Mamma, für Dich blieb manchmal nur eine Umarmung. Muttertag war bei uns nie zentral. Und doch weiss ich, lächeltest Du, wenn Du die versteckte Karte fandest. Oder diese Zeilen liest.

4375 Kilometer trennen uns. Ein Ozean und ein Mittelmeer. Zwei Kontinente und viele Länder. Drei Stunden Zeitverschiebung.

Zu Beginn zerriss es mich fast. Nun habe ich mich an mein Inseldasein gewöhnt und schätze mich glücklich. Während auf den anderen Inseln die Ausgangssperre um weitere zwei Wochen verlängert wurde, sitzen wir in der Gelateria, überall klingt Musik, Kinder spielen auf den Strassen.

Stein auf Stein baue ich ein neues Leben, die Tage sind voll und ich längst nicht mehr allein. Auch die Einheimischen müssen sich noch immer neu finden. Mit dem fehlenden Tourismus fällt die Haupteinnahmequelle weg. Was machst du, wenn deine Pension geschlossen bleibt? Wenn niemand mehr surfen lernen will? Deine Souvenirs kauft? Dafür hört man nachts die Wellen des Meeres statt betrunkener Schall und Rauch.

Meinen Gedanken scheint es egal zu sein, dass an jedem Ende der Insel endlos Wasser ist. Sie ziehen weiter, oft zu euch. Sodade. Ein Ziehen nach etwas Ungreifbarem. Unerreichbarem. Man kann dieses kreolisch-portugiesische Wort wohl am besten mit Längiziti übersetzen. Ein Wort, das im Berndeutschen so viel treffender ist als jegliche hochdeutsche Umschreibung. Längiziti. Sodade. Man nennt die Kapverden auch Inseln der Sehnsucht. Die Familien sind in der ganzen Welt verstreut. Man sagt mir: Überall wo es einen Hafen gibt, gibt es einen Kapverdianer.

Erinnert ihr euch an den «BZ»-Artikel vor zwei Jahren von Simone mit den Bildern von Enrique? Das Dreigenerationenfrauenporträt zum Muttertag. Darin verrieten wir, dass wir den Mond grüssen, wenn er voll ist. Irgendwann hast Du, Nonna, uns das eingepflanzt. Heimlich. Schleichend. Es sei gut, den Mond zum Freund zu haben. Doch hier verwirrt er mich. Seine Laufbahn ist eine andere als in Europa. Es scheint, als würde er andauernd Platz wechseln. Und er steht nicht am Himmel, sondern er liegt. Die Sichel, wie wir sie kennen, entweder zu- oder abnehmend, ist hier entweder eine Schüssel oder eine Brücke.

Nonna, während Du also zu Hause Deine Pizzoccheri kochst, die Familie gestaffelt - weil acht auf einmal ja zu viel ist - und mit gebührendem Abstand im Garten sitzt, esse ich hier Ravioli. Zwei Schweizerinnen haben mir einen versteckten Italien-Delikatessenladen gezeigt. Mortadella. Parmaschinken. Mozzarella di Bufala. Pasta fresca. Amore Heimatgefühle.

Mamma, wir feiern den Muttertag nach. Gestern begriff ich, dass er weltweit das ganze Jahr durch gefeiert wird.
So liegen die Kapverden zwar drei Stunden zurück, doch muttertäglich eine Woche voraus. Wir könnten ja den malawischen Tag anpeilen. Der ist jeweils am zweiten Montag im Oktober. Nächstes Jahr trifft es genau Deinen Geburtstag. Ich freue mich.

Saluti dall’isola

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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