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Bevor das Tau riss: Vera Urweider auf dem Schiff.© Klaus Roselstorfer

Inselpost 41

Während Vera Urweider auf den Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Mindelo, 1.3.2021

Lieber Moritz, liebe Julia, lieber Milan, liebe Katrin, lieber Flo, liebe Meike, lieber Felix,

vorhin knallte es sehr laut und ein richtig heftiger Ruck ging durchs Schiff. Ich sitze auf der Eckbank am Tisch, längst an das stete Schaukeln der letzten Wochen gewöhnt, doch bei diesem Ruck, da kippte ich fast um. Irgendwas war da geschehen. Irgendwas an unserem Segelschiff war wohl nicht mehr wie vorher. Irgendwas konnte dem starken Wind und den kräftigen Wellen nichts mehr entgegenhalten.

Wir schauten nach, wo der Knall herkam, von dieser Schiffsseite, die am Steg der Marina angemacht ist. Das eine Tau war nicht mehr zum Steg gespannt, sondern hing schlapp ins Wasser. Gerissen, dachte ich erst. Aber nein. Rausgerissen! Das Eisen, an welchem jenes Tau angeknotet ist, wurde vom Steg abgerissen und schlug mit eben diesem lauten Knall gegen die Schiffswand. Wir trauten unseren Augen nicht und es war noch nicht mal alles. Jenes Eisen, an welchem das Tau auf dem Schiff angemacht ist, war komplett verbogen. Da konnte gar kein neues Tau festgemacht werden.

Seit gut einer Woche findet der kapverdische Wind zu seiner Höchstform, auf offener Strasse gehen wird zum Ausdauersport, Fahrrad fahren fast unmöglich. Der Februar und März garantieren für ununterbrochenen Wind, was dieses Fleckchen Erde, allen Inseln voran meine Insolationsinsel Sal, zum Kite- und Windsurf­paradies macht. Für Segler jedoch ist es eine Herausforderung. Zwar ist man schnell, aber es sei sehr streng, liess ich mir von Erwin sagen, einem Österreicher, der schon seit einigen Jahren im Herbst von Kroatien hierher runter und im Frühling wieder zurück segelt.

Der Wind pfeift streng durchs siebenundzwanzig Meter lange Schiff, das Schaukeln wird so stark, ein Achterbahngefühl. Und während Gianni, unser Capitano, versucht, den Schaden provisorisch einigermassen zu beheben, sich der Steg unter den riesigen Wellen und der unglaublichen Zugwucht der Gelidonya hebt und biegt, mein Mitbewohner Andrea und ich uns am Esstisch festklammern, reisst ein zweites Eisen aus dem ächzenden und stöhnenden Steg und knallt wieder laut an die Schiffswand. Wir blicken uns an und die Gedanken drehen in Windeseile - wenn ich morgen aufwache, sind wir vielleicht drüben auf Santo Antão.

Manchmal denke ich an Hamburg. Vieles hier in Mindelo erinnert mich an euer Zuhause und meine zeitweise Wahlheimat. Nicht nur die zahlreichen Musik-, Theater- und Kunstlokale – und wenn wir schon bei Schiffen sind, fällt mir natürlich auch das Theaterschiff im Nikolaifleet ein, auf welchem Du, lieber Felix, wunderbare Theater- und Kabarettabende entstehen lässt. Wie wir am Hafen stehen, liebe Julia, wo Du mich findest, auf dem Steg draussen vor dem Fischmarkt, lieber Moritz, oder vom Altonaer Balkon die grossen Containerschiffe beobachten, lieber Milan. Wie weiter draussen in Övelgönne die Segelboote schaukeln. Wie der Hafen ein Gefühl von grosser weiter Welt gibt. Handel. Trubel. Lebendigkeit. Selbst der Wind ist irgendwie ähnlich stark, wenn er um die Häuser zieht und einen doch sonnigen Tag etwas kühler macht.

Der Wind, der euch und vielen Teilen Europas vor ein paar Tagen Saharastaub brachte. Als Kinder fanden wir bei Wanderungen in den Alpen gar Saharasand liegen. Hier ist das quasi normal. Hier bedeckt die Bruma Seca (trockener Nebel), von Nordosten von eben diesen starken Winden böenartig hergetragen, die Welt mehrmals im Jahr. Dann jeweils sieht die Sonne aus wie der Mond hinter der manchmal orangenen Staubdecke. Zahlreiche Flüge werden gestrichen oder kehren um, da auf den Kapverden nur mit Sicht gelandet werden kann. Und das Meer ist wild und stürmisch, sodass sowohl Passagier- wie auch Frachtschiffe einige Inseln nicht anfahren können. So wie ich vor einem Jahr deshalb den Karneval hier in Mindelo verpasste und später auf dem Weg nach Boa Vista nicht auf São Nicolau zwischenhalten konnte, wartete Schiffsmitbewohner Andrea nun ganze zwei Wochen hier auf São Vicente auf seine Ware – italienische Sachen (Pasta!) für die zahlreich hier lebenden Italiener. Die Natur bestimmt hier auf eindrückliche Art und Weise den Rhythmus des Lebens.

Windige Grüsse von der Insel,

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf en Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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