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Vera Urweider umgeben von Spenden für das Gemeinschaftszentrum Djunta Mon : Alte Stühle, Pulte und Schränke.© Alveno Soares

Inselpost 43

Während Vera Urweider auf den Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Mindelo, 15.3.2o21

Liebe Christine, lieber Thomas, lieber Matthias,
liebe Silvia, lieber Peter,

der Schulweg ist irgendwie das erste kleine Abenteuer, ganz alleine, ohne Mammas schützende Hand. Gleichzeitig mit einer ersten Verpflichtung verbunden – ja nicht zu spät kommen, ja nicht zu sehr in der eigenen Welt sich verlieren, Zeit vergessen, Geschichten ausdenken. Der Ernst des Lebens wartet hinter der Tür. Die Tür, die einem ermöglicht, später mit dem Gelernten vielleicht wieder in die Welt einzutauchen, die man sich selber aussucht. Aber das, das weiss man als Kind wohl noch nicht.

Viel wichtiger waren die vielen Schnecken, die Priscilla und ich vor dem sicheren Fusstod gerettet hatten. Wie oft wir Steine gesammelt hatten, eine Flecht- und Mooslandschaft drauf erfanden, mit Zweiglein, Nadelbaumnadeln, Zapfen. Wie oft wir dafür etwas zu spät kamen, den Ernst der Lage jedoch sogleich erkannten und beim Schön­schreiben uns gleich doppelt so viel Mühe gaben. Auf einem Schulweg kann man auch an Haustüren klingeln und wegrennen. Sich beim Plätzli vorbei wagen, wo die coolen Jungs versuchen zu rauchen. Die Mutprobe «Parkhaus» überstehen. Später selber möglichst cool den direkten Weg nehmen «hintendurch» über einen Parkplatz und nicht den Umweg über den Zebrastreifen. Mit Musik im Ohr und ohne eine Miene zu verziehen. Oder auch auf dem Steissbein landen, weil die Kirchenterrassentreppe am dunklen Wintermorgen noch gefroren ist.

All das, all diese Abenteuer und ersten Freiheiten, das Gefühl, im Klassenzimmer dann auf einem Kinderschulstuhl zu sitzen, an einem Kinderschulpult, den Kinderschulsack an den Haken am Kinderschulpult gehängt, die Schäftli mit den vielen bunten Ordnern – ich erinnerte mich plötzlich sogar an den Kinderklassen­zimmergeruch.

Auf einmal sass ich nun vorgestern wieder an einem solchen Schweizer Kinderschulpult. Auf einem Schweizer Kinderschulstuhl, es roch noch nicht nach Kinderklassenzimmer, sondern nach frischer Farbe. Es sind die alten Stühle, Pulte und Schränke aus der Terra-Nova-Schule in Küsnacht. Eine Spende für das ganz junge Gemeinschaftszentrum Djunta Mon (verbinde die Hände), welches die beiden Schweizerinnen Annina und Corinne zusammen mit dem Kapverdianer Alveno unter dem Motto «Come together. Get involved» gegründet haben. Ich hatte Corinne und Alveno vor ein paar Wochen nach einem Kinobesuch kennengelernt, wechselte mit Corinne ein paar schweizerdeutsche Worte, fragte, was sie hier mache, und sie meinte, eine Art Traum erfüllen. Das angeschnittene Gespräch über das zukünftige soziokulturelle Gemeinschaftszentrum für Kinder und Jugendliche, gepaart mit sanftem Tourismus und Volunteering, liess mich nicht mehr ganz los und so führte mich Alveno vorgestern durch das «Casa de Pescador», in welchem Djunta Mon seit Februar ein Zuhause gefunden hat. In einem Viertel von Mindelo, in welches sich selten Reisende verirren, früher bekannt für Alkohol, Drogen und Prostitution, heute erlebt es jedoch eine Aufwertung, zu welcher Djunta Mon Hand in Hand mit Freiwilligen und Anwohnern das Seine beitragen will.

Es wird eine Mischung werden aus ergänzender Schule mit kapverdischen Lehrern in Ausbildung, die so zum einen Kindern aus schwierigen Verhältnissen unter die Arme greifen und zum anderen selber erste Lehrerfahrungen machen können, und einem Jugend- und Freizeitzentrum, welches durch Volontäre aus Europa betreut werden soll. Einem öffentlich zugänglichen Quartiersinternetraum. Einer Gemeinschaftsdachterrasse mit Platz für Kizombatanzkurse. Einer Volontärswohnung. Und zwei B&B-Zimmern.

Das Ziel ist es, am Ende eine offizielle NGO zu sein, der Antrag läuft, in kapverdischer Geschwindigkeit. Das Zentrum soll irgendwann durch den Volontourismus – eine Wortkreation von Annina und Corinne – querfinanziert werden können. Die beiden Touristikerinnen gründeten kurz vor der Pandemie das Start-Up-Reiseunternehmen o Ritmo für nachhaltigen Tourismus auf den Kapverden. Da das Reisen wegfiel, konnte umso mehr an der Djunta-Mon-Idee gearbeitet werden. Eine Idee, welcher Alvenos Djunta-Mon-Onlineplattform zugrunde liegt, und nun soll im April das Zentrum eröffnen. Es scheint, dass sie im Tourguide und Sozialarbeiter den perfekten Freund und Projektpartner gefunden haben.

Liebe Grüsse von der Insel,

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf en Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

 

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