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Urweider in ihrer neuen Wohnung in Mindelo.© Bonnie Yoon

Inselpost 44

Während Vera Urweider auf den Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

 

Mindelo, 22.3.2021

Liebe Lella, liebe Maria, liebe Li, liebe Mathilde,

ich bin jetzt genau ein Jahr und zwei Tage überfällig.

Damals, am 20. März 2020, wäre mein Flug von Sal auf die Kanarischen gewesen, von wo aus ich mit Schiff und Zug und Bus zurück in die Schweiz gefahren wäre. Ich hätte einen Zwischenhalt in Pals gemacht, in unserem katalanischen Häuschen, in welchem Du, liebe Maria, nun bis vor ganz kurzem wohntest. Du mietetest eigentlich für den Winter neunzehnzwanzig und wärst dann im Frühling in Deine eigene Wohnung gezogen. Da ja aber die ganze Welt auf Snooze gedrückt wurde, bliebst Du in unserem Haus, meine Familie blieb in der Schweiz und ich blieb hier auf den Inseln. Ein bisschen so wie dieses Spiel, bei welchem man tanzt, solange die Musik klingt, und dann abrupt stehen bleiben soll, wenn jemand die Musik ausknipst. Der Tanz geht dann weiter, wenn die Musik wieder spielt.

Wann das sein wird, wann die Musik der Welt wieder spielt, das weiss ich nicht. Und wann meine eigene Funana wieder zu Ländler wird, das weiss ich auch nicht. Ich gehe hier in Mindelo fröhlich auf Konzerte und war gestern Abend gerade in einer fantastischen Fotoausstellung, mit Tanzperformance und Vernissagenhäppchen und mir bereits bekannten Gesichtern unter Masken. Mindelo ist klein. Und Mindelos Kulturszene noch kleiner.

Ich fühle mich langsam wohl hier. Noch vor kurzem hatte ich ein Verlorenheitsgefühl, nach neun Monaten im verschlafenen Santa Maria war mir Mindelo irgendwie doch zu anonym und zu viel, zu städtisch. Ich muss mich plötzlich wieder entscheiden, welchen Anlass ich besuche. Warten, bis ich über die Strasse kann. Du fragtest mich, liebe Li, auf welche Insel ich denn nun weiterziehe, wenn ich da ja nicht so richtig ankomme. Und ich meinte dann, ich könne erst weiterziehen, nachdem ich hier angekommen wäre.

Kitelehrerfreund Ricardo war eine Woche auf Besuch, São Vicente ist ja eigentlich seine Heimatinsel, und es war spannend, die Insel aus seinen Augen kennenzulernen. Gleichzeitig bin ich etwas stolz darauf, den Sportler in eine Weinbar und Kunstgalerie bekommen zu haben. Vertraute Menschen tun gut in der Verlorenheit. Liebe Mathilde, Du wolltest wissen, wie mein Kapverdenepos mittlerweile aussehe. Nun, ich hab wieder eine Wohnung, ein Löftchen, keine Wände, mitten im Zentrum, mit viel Tageslicht, tollen Nachbarn im Haus, einer Dachterrasse und einem Innenhof. Und ich hab einen Taschengeldjob und einen privaten Taxifahrer. Hélder. Ich kenne ihn noch von Sal, er ist ein Freund von Ribanna. Und die Anfrage, ab Oktober eine kleine Pension zu führen. Ob ich das jemals tun werde, sei dahingestellt und spielt auch überhaupt keine Rolle. Rein die Idee finde ich zauberhaft und zeigt mir einmal mehr, egal wie snoozig die Welt gerade ist, irgendwie dreht sie ja eben doch weiter. Vielleicht spielt die Musik halt einfach gerade nicht so laut.

Oft hattest Du mich gefragt, liebe Lella, ob ich nicht irgendein Jöbchen fände vor Ort. So wie Du das früher machtest, als Du mit achtzehn nach Spanien und später weiter nach Mexiko gingst und viele Jahre nicht zurückkamst. Mit Deinen Sprachkenntnissen und Deiner unkomplizierten Art fandest Du immer irgendwas. Ich jedoch suchte gar nicht. Auf Sal wäre ich mir komisch vorgekommen, einer Arbeit nachzugehen, die vielleicht ein Einheimischer hätte machen können. Gerade in einer Krisenzeit, in welcher so viele Menschen ihre Arbeit verloren haben und kaum bis gar nicht vom Staat unterstützt wurden. Hier in Mindelo ist das etwas anders.

Der Italiener Andrea, mit welchem ich auf dem Schiff gewohnt hatte, brauchte kurzfristig eine Pastaassistenz. Jemand, der Italienisch und Kreol kann. Jemand, der von Laden zu Laden geht und versucht, seine traditionelle italienische Pasta ins Sortiment zu bekommen. Er musste zurück nach Boa Vista, wo er seit sieben Jahren erfolgreich den unzähligen Italienern seine Pasta verkauft. Ob die Anzahl Pastaliebhaber hier in Mindelo auch gross genug ist, wird sich noch zeigen. Ich jedenfalls nehme es als abwechslungsreiche Herausforderung, lerne auf Kreol zu verhandeln und denke manchmal, wenn ich schon nicht in eine Theaterrolle schlüpfen kann, bin ich nun eben in der Pastahändlerinnenrolle und lebe meine italienische Seite aus.

Liebe Grüsse von der Insel,
Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf en Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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