mitgliederwerden grey iconMitglied werden
Vera Urweider auf einer Vernissage im Centro Cultural.© Bonnie Yoon

Inselpost 45

Während Vera Urweider auf den Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Mindelo, 29.3.2o21

Lieber Martin,

jetzt habt ihr schon wieder die Zeit umgestellt, drei Stunden trennen uns nun wieder. Das ist bereits meine dritte Zeitumstellung, die ich einfach verpasse, da hier mitten im Atlantik alles normal weitergeht. Ich staune gerade, wie ich mittlerweile schon auf so zahlreiche kapverdische Tage und Erlebnisse zurückblicken kann. Erzähle wie aus dem Ärmel geschüttelt von «damals», wenn ich an vergangenen Sommer oder Herbst denke. Natürlich, es ist nur ein kleines Damals. Und doch. Es ist nicht nur ein Vorgestern.

Damals, als Ende Oktober die Winterzeit anfing und der Berner Kulturlockdown entschieden wurde. Damals mir das grausam vorkam, so ganz ohne Lebenselixier. Damals ich auch merkte, dass Sal doch langsam etwas klein wurde und somit entschied, Insel zu wechseln.

Ich wohne im Haus der deutschen Fotografin Juliette. Architektonisch ein Hingucker, und doch schmiegt es sich in die Strasse. Die hohen hellen Wände (sie verzichtete bewusst auf ein weiteres Stockwerk, damit die Räume schön hoch sein konnten), die Komplettglasfront, die schlichte Einrichtung, möglichst kein Plastik und wenn doch, wiederverwertetes, der Wind, der durch das turmartige Treppenhaus fegt und so das Haus kühlt, während auf dem Dach die Sonne zu Energie eingefangen wird. All das bietet mir momentan ein Zuhause und lässt meinen Gedanken genügend Platz. Das Casa d’Poço ist gleichzeitig Wohnhaus wie auch Galerie. Ein grosser Brunnen im Innenhof ist namensgebend und speist gemeinsam mit einer immensen Pumpe das gesamte Haus mit Wasser. Und es kann auch Begegnungszone sein. Überall hängen Bilder von Juliette, Bilder, die das kapverdische Leben dokumentieren. Seit über 15 Jahren lebt sie auf den Inseln, eigentlich durch einen Zufall. Der europäische Winter schmerzte sie gesundheitlich. So steckte sie einen Zirkel bei Frankfurt in die Weltkarte und drehte diesen in einem Radius von sechs Flugstunden einmal um dessen Achse. Ganz unten im Süden touchierte der Strich ein paar Punkte im Meer – die Kapverden. Sie kam her, besuchte jede Insel und blieb schliesslich auf São Vicente, in Mindelo.

Sie arbeitet als deutsche Reiseleiterin. Heute ist sie auch Gastgeberin. Und vor allem ist sie Fotografin. Mit einer Lochkamera reiste sie immer wieder von Insel zu Insel. Als ich vergangene Woche auf ihrer Vernissage «Txód pa trás» («zurückgelassen») im Centro Cultural war, sah ich traurige, doch sehr beeindruckende Bilder, die schon ein paar Jahre alt sind. 2016 nahm sie die Spur auf von Kapverdianern, die als Kakaosklaven - man nannte sie Arbeiter und den Vertrag signierten sie mit einem Fingerabdruck - nach São Tomé e Príncipe gebracht wurden, ein noch viel kleinerer Inselstaat im Golf von Guinea vor der Küste Gabuns. Sie porträtierte die letzten fünf überlebenden Kakaoarbeiterinnen und -arbeiter. Sie sind alle knapp 100 Jahre alt. Menschen, die noch immer unglaubliche Sehnsucht nach ihrer kapverdischen Heimat haben. Doch diese wohl nie wieder sehen werden. Heute hat unter anderem Suchard die Kakaohand im Spiel. Vielleicht ist das ja Schweizbezug genug, lieber Martin, um diese Arbeit mal in die Gewölbegalerie einzuladen? Jedenfalls bin ich sehr beeindruckt von Juliettes Bildern, und diese Kakaogeschichte müsste weitererzählt werden. Ob jemand von diesen letzten fünf heute, fünf Jahre später, wohl noch lebt?

Wer bestimmt noch lebt, sind die Kinder und Jugendlichen, die sie 2007 auf Santo Antão fotografiert hatte. Ich bin auf diese Arbeit nur gestossen, weil in der aktuellen Ausstellung einige ihrer vorgängigen Projekte erwähnt sind und beim Jahr 2007 steht «Letters to Germany». Ach!, dachte ich, sie hat auch nach Hause geschrieben - so wie ich es tue, seit fast einem Jahr? Nicht ganz. Sie war damals in Tarrafal de Monte Trigo, dem kleinen Fischerdorf mit dem schwarzen Sand, und liess in einem Projekt Schulkinder Briefe oder Zeichnungen nach Deutschland erschaffen. Und hat sie natürlich auch fotografiert. Sie nimmt mich mit in ihr Archiv. Die Fotos sind schwarzweiss, die Zeichnungen bunt, die Briefe handgeschrieben. Sie weiss von einigen Kindern, wo diese heute sind und was sie machen. Vielleicht könnte man diese ja fünfzehn Jahre später wieder aufsuchen, fotografieren und herausfinden, wie viele Träume in Erfüllung gegangen sind? Vielleicht frage ich sie mal. Und vielleicht fahren wir ja mal gemeinsam nach Tarrafal.

Liebe Grüsse von der Insel,

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf en Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

Folgen Sie uns

Anmeldung Newsletter

Wetter in Bern

laden