mitgliederwerden grey iconMitglied werden
Archiv
Verirrt im Bambus: Vera Urweider auf Paúl.© Bonnie Yoon

Inselpost 46

Während Vera Urweider auf den Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Paúl, 12.4.2021

Lieber Juerg, lieber Hans, liebe Beatrice, liebe Pia, lieber Victor, lieber Beat, liebe Susanne,

«Tuutuut. Tuutuut. Tuutuut.» Hinter dem Haus mischt sich ein komischer Vogel ins Grillenzirpen und Fröschequaken. «Tuutuut. Tuutuut. Tuutuut» Samstagabend hörte ich ihn zum allerersten Mal überhaupt. Ich dachte erst, da mache sich ein Lausbub einen Spass, verstecke sich in den dichten Pflanzen in der Dunkelheit und tuute vor sich hin. Das konnte doch kein Tier sein! «Tuutuut. Tuutuut. Tuutuut.», in regelmässigen Abständen und die Tuut-Töne immer gleich lang.

Es sei ein Cagaru (Sturmtaucher), weiss Sonia, unsere Hausdame. Ich bin wieder ein paar Tage in Paúl auf der Nachbarinsel Santo Antão, bei Nuno, im bewohnten Museum aus Brief 36. Es zog mich raus aus der Stadt. Bergluft schnuppern, Quellwasser trinken. Und dann: Wanderverirrung. Bambusstangen im Sumpf. Vom Weg abgekommen, einfach dem Bach nach. So kämpften wir uns durch den Bambuswald und Dornen, über zu hohe Steine und durchs Wasser. Zum Glück gibt es hier keine Gifttiere. Und «Tuutuut. Tuutuut. Tuutuut», begrüsste uns der skurrile Vogel, als wir erschöpft und zerkratzt nach Hause kamen.

Die letzten zwei Monate in Mindelo waren sehr spannend, lehrreich, Kultur, Arbeit, Menschen; aber irgendwie war ich auf einmal voll und konnte nichts Neues mehr aufnehmen. Ich bin in einer Stadt geboren. In einer Stadt aufgewachsen. Habe in drei Städten studiert und in noch mehr gelebt. Ich mag die Natur, doch ich bin Städterin. Dass ich auf einmal genug hatte, beinahe informationsüberflutet war, nur noch raus wollte, das ist mir noch nie passiert. Überübermorgen vor einem Jahr hatte ich euch, lieber Juerg, lieber Hans, liebe Beatrice, liebe Pia, lieber Victor, lieber Beat, liebe Susanne, meinen ersten Inselbrief geschrieben. Blockiert auf Sal. Ihr wart meine ersten Adressaten. Heute schreibe ich euch wieder. Verirrt im Bambus.

Über die freien Ostertage wirbelten ein paar seit längerer Zeit in mir schlummernde Gedanken durch meinen Kopf. 
Ob die neun Monate Insolation auf dem damals ach so leeren Sal doch mehr in mir verändert haben? Ob diese Leere und diese Stille, diese Ruhe und diese Langsamkeit dazu geführt haben, dass mich Mindelo nun überfordert? Der Kapverdianer Nardi Sousa philosophiert in seinem Buch «Gangsta Yogi» über den Menschen. Auf Portugisisch: ser humano. Also: Mensch sein. Er fragt sich: Wer ist «Ich»? Und ich merke: Auf Deutsch heisst das ja einfach Mensch. «Mensch sein» ist etwas anderes. Auf Portugiesisch, und in anderen Sprachen, IST man jedoch Mensch. Ein Verb, also tut man etwas. «Ser humano» inkludiert Körper und Geist. Denn «humano» wäre, im Gegensatz zum deutschen «Mensch», bloss der biologische Terminus. Dreht man das Ganze noch ein bisschen weiter, ins Englische, dann sind wir bei «Human Being». Beim Verb «to be» - beim Anfang der Bibel, bei der Kreation. «Let there be», sagt der englische Gott, während der deutsche befiehlt, dass «werden» soll. Mir gefällt dieser Gedanke, dass man kreativ sein soll, oder kann, um Mensch zu sein. Ein Bündel aus Möglichkeiten sein. Und ab und an, wie gerade jetzt, abschweifen. In einem Netz von Gedanken hängen, viele bleiben offen. Doch eines bin ich mir nun sicher: Diese ganz spezielle Situation, ganz plötzlich allein in der Fremde, das Kennenlernen der kapverdischen Kultur, Sprache, Menschen, Reaktionen, Entscheidungen, Begründungen, die mir stets längst nicht immer schlüssig sind, enttäuscht werden, neue Wege finden, ein Zuhause kreieren aus dem Nichts – all das hat mich doch mehr Energie gekostet, als ich mir vielleicht eingestand. Oder überhaupt merkte.

Doch das Positive überwiegt zweifelsohne. Denn jetzt, wo sich so vieles jährt, habe ich Direktvergleiche. Ostern zwanzigzwanzig beispielsweise war es komisch, nicht zuhause zu sein und das zu tun, was ich sonst immer tat. Doch wollte ich nicht allein sein, also hatte ich einer englischen Einladung zugesagt und mit quasi Fremden geostert. Ostern zwanzigeinundzwanzig kam nun einfach daher und es war mir schlicht egal. Ich merke, Kap Verde wird langsam normal für mich, das ist schön. Und auch recht seltsam.


Liebe Grüsse von der Insel,
Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf den Kapverdischen in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

Folgen Sie uns

Anmeldung Newsletter

Wetter in Bern

laden