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Vera Urweider lebt die kreolische Wendung «No ta junt» – «Wir halten zusammen».© Thomas Kromer

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Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 11.5.2020

Liebe Anna, liebe Sibill

am vergangenen Freitag war nicht nur der 75. Jahres­tag des Endes des Zweiten Weltkrieges und Nonnas 95. Geburtstag, sondern auch der internationale Tag des IKRK, des Roten Kreuzes. Auf portugiesisch trägt die weltweite Organisation den klangvollen Namen Cruz Vermelha. Und spricht man explizit vom Roten Kreuz auf den Kapverden, so ist die Abkürzung dann CVCV. Ich mag solche Spielereien.

In Santa Maria gab es vor der Coronazeit gar kein Cruz Vermelha. Es war gar nie notwendig. Obwohl auf unserer Insolation bislang Corona noch immer nicht Einzug gehalten hat, hinterlässt diese ganze Pandemie­geschichte eine tiefe Narbe. Ende April sprach man landesweit von über 13 000 Menschen, die ihre Arbeit – direkt oder indirekt mit dem Tourismus verbunden – verloren haben, alleine bei uns auf Sal sollen es über 5 000 sein. Das sind nur die, die sich gemeldet haben. Man geht von bis zu 60 000 aus. Auf allen Inseln.

Während du, Sibill, so schriebst du mir, dich zu Hause in Bern als Freiwillige Helferin beim Roten Kreuz gemeldet hattest und nun regelmässig für eine ältere Dame einkaufen gehst, tat ich dasselbe hier beim CVCV. Dies war gar nicht so einfach. Ich müsste hier in Santa Maria gemeldet sein. Aber gut, zwei freiwillig helfende Hände nahmen sie schliesslich auch so gerne auf.

Am Freitag wars dann so weit, ich wurde zu meinem ersten Einsatz geschickt. Maskiert mit rotem Mäntelchen und obligatorischer Schutzmaske (diese steife spitzrunde, ich sah aus wie Globi in rot mit eierschalenfarbigem Schnabel) verteilte ich Grundnahrungsmittel in familienbenamste Körbe und lieferte diese in einer der ärmsten Gegenden der Insel aus - Wellblech und Holzlatten, Ziegen und Schweine, die ich bislang sonst nirgends auf der Insel gesehen hatte -, während eine andere Gruppe täglich beim Mercado Municipal mittags warmes Essen ausgibt und eine dritte die Schule putzte.

No ta junt. Wir halten zusammen. Wir stehen zusammen. Wir sind zusammen. Dieser kurze kreolische Satz, der so kitschig klingen mag in dieser Zeit, ist der Name einer karitativen Gruppe. Neben den beiden staatlichen Organisationen, CVCV und die Camara Municipal, haben sich hier in kürzester Zeit Menschen unterstützend zusammengetan, das ist beeindruckend! Einheimische. Hierlebende. Steckengebliebene.

Ich lese von Solibons in der Schweiz um Kleingewerbe zu unterstützen. Von Nachbarschaftshilfe. Oder dein so treffender Satz im «Republik»-Newsletter, liebe Anna: «Dass wir uns plötzlich verbunden fühlen, nicht nur mit Freunden und dem Partner, sondern mit einer Gemeinschaft, die wir nun kollektiv abfeiern.»

No ta junt eben. Zusammen. Eigeninitiative und Spendengelder, in Zusammenarbeit mit CODE CV, Cooperativa de Desenvolvimento de Cabo Verde (diese Organisation existiert schon länger und kümmert sich um Bildung, Sensibilisierung, Umwelt), versucht «No ta junt», reichhaltigere Körbe als das CVCV zu verteilen. Nicht als Konkurrenz. Sondern als Ergänzung. Auch da trage ich gerne mit. Das Teuerste sind das Gemüse und die Früchte. Das, was auf der Insel aus Salz und Sand kaum existiert und deshalb mehrheitlich von der grünsten der Inseln, Santo Antão, rübergeschifft wird.

Eine weitere Gruppe, deren Idee ich sehr schätze, ist «Where one can eat, two, three or four can eat as well». Dahinter stehen zwei europäische junge Frauen, die zeitweise hier leben, Freunde und Familie hier haben. Mit einem rasanten Crowdfunding-Erfolgsstart ergänzen sie die staatlichen Organisationen und «No ta junt» mit der Idee, die Essenskörbe mit den Cachupa-
Zutaten zu füllen. Für das kapverdische Nationalgericht. Da braucht es etwas mehr als Kartoffeln und Reis. Eintopf. Mastig. Langanhaltend. Genau richtig jetzt.

Liebe Grüsse von der Insel

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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