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Vera Urweider geniesst das Asphalt Openair in Biel.© Hannah Frei

Inselpost 59

Nach ihrer langen Insolation auf den Kapverden ist Vera Urweiler nun zuhause – und schreibt Briefe auf die Inseln.

Biel, 26.7.2021

Liebe Antonella, liebe Giovanna, lieber Kris, lieber Peter, liebe Juliette, liebe Betty, liebe Lenisse, lieber Flo, lieber Andrea,

seit drei Wochen versuche ich zu verstehen, warum es in der Migros zwanzig verschiedene Shampoos gibt oder warum das Brot zu jeder Tageszeit warm im Regal auf schnädderfräsige Kunden wartet, um dann weggeworfen zu werden. Es sind Klischees des westlichen Überflusses, die mir ins Auge springen. Ich stehe dann jeweils 
etwas verloren vor dem Regal und sehne mich zu den kleinen kapverdischen Lojas, die zwar manchmal höchst chaotisch wirken, dafür ist die Auswahl schlicht angenehm genügend und nicht viel zu viel.

Doch sonst geht es mir viel besser als noch vor zwei Wochen. Ich hab einiges zu schreiben und ich weiss auch wieder wie man Schuhe bindet und was Regen ist. Ich erinnere mich, Juliette, wie Du mir sagtest, es sei ein grosser Schritt, ins alte Leben zurückzukehren. Was ist schon ein altes Leben, dachte ich damals. Hab ich überhaupt ein altes Leben?

Ich weiss es nicht. Doch was ich heute weiss, ist, wie gut es tat, übers Wochenende zumindest in einen Teil des Lebens von davor zu tauchen. Drei Tage Asphalt Festival, ein Musikopenair mitten in Biel, mitten im zweiten Pandemiesommer. Ich bin heute noch völlig erschöpft, da ich so drei Tage Festivalfeeling schlicht nicht mehr trainiert bin. Doch bin ich glücklich. Glücklich über die musikalischen Livemomente. Glücklich, dass ich den Job an der Kasse zugeteilt bekam und so halb Biel an mir vorbeiging. Glücklich, all die bekannten Gesichter wiederzusehen. Zu hüpfen. Zu tanzen. Solche Momente, solche Energie, solche Menschen machen einen Ort zu einem Zuhause. Egal ob im neuen oder alten oder zukünftigen Leben.

Und ich merke auf einmal, wie wichtig ihr für mich auf den Inseln wart. Auf Sal hast Du, Giovanna, mir ein grossartiges Zuhause ermöglicht, auf São Vicente durfte ich in Deinem Haus wohnen, Juliette. Und als ich zu Weihnachten nicht zu meiner Familie konnte, wart ihr es, Kris, Peter und Antonella, Giovanna, die ihr mich nicht allein liesset. Betty und Lenisse, die ihr meine kapverdischen Freundinnen wurdet. Und Flo, Du sorgtest dafür, dass in Mindelo mein Französisch nicht einrostete, Andrea dasselbe in Italienisch. Ich danke euch für dieses Zuhause!

Liebe Grüsse auf die Inseln,


Vera Urweider

 

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. 
Nach ihrer langen Insolation auf den Kapverden ist sie nun zuhause angelangt - und schreibt Briefe auf die Inseln. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com


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