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Schreibt aus der «Insolation»: Vera Urweider.© Thomas Kromer

Inselpost 6

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 18.5.2020

Lieber Antoine, liebe Judith, lieber Nima,
lieber David, liebe Kristin und lieber Ariel,
lieber Simon, liebe Daniela,

vor einem Jahr hätte ich die wenigsten von euch Freunde genannt. Ich kannte gerade nur Antoine und Judith. Ein Jahr später weiss ich, was mein Zuhause in der Bieler Altstadt überhaupt zu einem richtigen Zuhause macht. Es ist nicht nur die Dusche, die in der Küche steht, das Klo im Flur, mein Wohnzimmer mit der besten Sicht auf die Untergasse. Es ist auch die Sonnenterrasse, die ich mit euch teile. Es ist das Commerce gleich gegenüber und das St. Gervais daneben, der kleine Platz dazwischen und das Gärbi auf der anderen Seite. Und es seid ihr.

Vor einem Jahr bin ich in eurer Mitte gelandet. Bin in dieses Haus gezogen, ohne zu wissen, wie gut es sein wird. Ohne zu wissen, wie wichtig ihr alle werdet. Wie sehr ich das Plattenhören mit dir vermisse, Antoine, dein Klavierspiel, Judith, David, unsere Sonnenterrassenkafipausengespräche. Ich frage mich, Daniela, die du nicht im Haus wohnst, sondern gegenüber auf der anderen Strassenseite, sodass ich von meiner Küche sehe, ob du auf deinem Balkon bist, ich frage mich, ob wir im Lockdown endlich unser Seilbähnchen von Fenster zu Fenster gespannt hätten?
Ich frage mich auch, was Freundschaft eigentlich ist. Ab wann eine erste Berührung zweier Leben zu einer Freundschaft wird und nicht nur eine Zweckgemeinschaft bleibt. Oder eine flüchtige Bekanntschaft. Wo und wer zieht wann welche Grenzen? Es gibt Menschen in meinem Leben, die kenne ich viel länger als euch. Viel tiefer, wir teilen mehr Erlebnisse, mehr Gespräche, aber auch mehr Distanz. Räumlich und emotional.

Und nun gibt es neue Menschen in meinem Leben, die kenne ich viel weniger lange, seit meiner Insolation hier auf Sal. Einige nenne ich Freunde. Und ich frage mich wieder: Warum? Wie kann das so schnell gehen? Wollte ich nur nicht alleine sein? Müssen wir uns mögen? Warum vertrauen mir Richard und Valeriya ihren nicht mal einjährigen Sohn an? Warum kann ich dank Ribanna oder Ricardo endlich mit Hunden umgehen? Ich müsste ja keinen von beiden treffen, sie geht mehrmals täglich mit vier Hunden spazieren, zwei Hunde bewachen sein Haus. Ich müsste sie nicht treffen, könnte ihnen und den Hunden ausweichen. Aber ich will.

Zu Beginn der Insolation war es wohl tatsächlich Unsicherheit, die mich mit anderen Menschen zusammenschloss. Europäern wie Einheimischen. Doch hat sich mein Beziehungsgeflecht in den letzten zwei Monaten bereits verändert. Irgendwann, wenn sich die erste Aufgewühltheit gelegt hat, man sich an eine neue, sehr plötzlich hier gewesene Situation gewöhnt hat, sich organisiert hat und sich orientieren kann, dann, dann trifft man irgendwie wohl zwangsläufig auf die Menschen, mit denen man irgendeinen Schnittpunkt hat. Menschen, die dich irgendwo berühren und die du dann auf einmal anrufst und grundlos treffen willst. Einfach so. Einen Kafi trinken gehen. Den könnt ich ja auch zu Hause haben. Aber nein, man will raus und explizit jemanden treffen. Der auswärtige Kafi ist nur der Vorwand.

Vielleicht ist es genau das, was eine Freundschaft ausmacht: dass man sich ohne erklärbaren Grund zueinander hingezogen fühlt. Und in der gemeinsamen Zeit gemeinsame Erinnerungen schafft. Erinnerungen, die die anfänglich flüchtige Begegnung irgendwann, unbemerkt und schleichend, zu einer Freundschaft wachsen lassen. Ich glaube, ich kann mich bei keiner einzigen Person in meinem Leben daran erinnern, wann jemand zum Freund wurde. Wann dieser Kipppunkt war. Wann es von einem zweckerfüllenden Treffen zu einem von aussen betrachtet scheinbar grundlosen Nebeneinander und Miteinander wurde.

Apropos Sonnenterrasse oder Sonnenkafi: Wusstet ihr, dass das Wort Insolation - meine Verbindung zwischen Isolation und Insel - bereits existiert? Es bedeutet so viel wie Sonneneinstrahlung. Oder auch Sonnenstich. In dem Sinne:

Liebe Grüsse mit Sonnenstich

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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