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Schreibt aus der «Insolation»: Vera Urweider.© Thomas Kromer

Inselpost 9

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 8.6.2020

Lieber Werner,

ich erinnere mich an eine Art Freundschaft zwischen Dir und meiner Schwester. Jeden Morgen, wenn sie das Haus verliess, traf sie auch Dich. Es war immer die gleiche Zeit und immer der gleiche Ort. Erst ein Sehen, später ein Grüssen. Du warst stets dabei, mit Besen und Wägelchen die Strasse zu reinigen. Tag für Tag dieselbe Strecke, Morgen für Morgen dasselbe freundliche Grüssen, Abend für Abend die Schwester zu Hause: Sie hätte schon wieder denselben Strassenreiniger getroffen. Es schwang auch immer etwas Demut mit, gleichzeitig aber auch Freude. Freude daran, Dich zu sehen, und Freude an Deiner Fröhlichkeit, trotz der immergleichen Arbeit. Irgendwann wusste sie Deinen Namen. Ab da hiess es, sie hätte schon wieder Werner getroffen. Es gehe ihm gut.

Hier auf meiner Insel könnten wir definitiv auch Menschen wie Dich gebrauchen. Menschen mit einer stoischen Gelassenheit, die Tag für Tag dieselbe Strecke abgehen. Denn die Insel erstickt fast im Müll. Müll auf der Strasse, ja. Aber vor allem Müll an der Küste.

Wir waren zu acht, eine Stunde nur am Strand an der Ostküste. Wir waren weder sonnen- noch wasser­baden, wir waren Müll sammeln. Meeresmüll. Wind und Meeresströmung treiben hier jährlich Tonnen und Tonnen Abfall aus dem Meer auf die Insel, mehrheitlich Fischernetze. Aber ich sammelte in dieser einen Stunde auch Kabelbinder ein, Petflaschen, dünnstes, brüchiges Plastik, das bei der ersten Berührung fast zu Staub zerfällt, einzelne Schuhe, Stofffetzen, Styropor, Glasscherben, Undefiniertes.

Genaue Zahlen zum Müll aus dem Meer gibt es nicht. Dies zum einen, weil der Wind, der den Abfall überhaupt erst auf die Insel bringt, ihn dann auch sogleich wieder mit Sand bedeckt. Oder weiter auf der Insel verteilt. Und zum anderen, weil Menschen wie wir acht, die angeschwemmten Dinge sammeln und zur Deponie bringen. Diese übrigens ist ein Loch in der Mitte Sals, in der Nähe der Inselhauptstadt Espargos. Ein Loch. Der Abfall hier wird einfach vergraben, ich frage mich, wie lange noch? Wie tief kann man graben? Wie breit? Wie lang? Wohin? Und dann?

Es ist, ganz ehrlich, eine höchst frustrierende Sisyphusarbeit. Nicht nur, weil wir nach dieser einen Stunde bereits eine ganze Pick-Up-Ladung abtransportierten und dabei genau wussten, dass wir gefühlt drei Zentimeter Küste geputzt haben und diese gleich wieder voll sein werden. Nein, es ist bereits während des Sammelns müssig. Denn der Wind, der den Müll erst aus dem Wasser treibt, um ihn dann da mit Sand zuzudecken, dieser Wind weht den Sand dann später auch wieder weg und am Kleinstküstenabschnitt, den du eben gerade sauber gesammelt hast, lugen bereits wieder neue, also eigentlich ältere, zuvor gerade noch zugedeckte, grüne und gelbe Fäden hervor. Du drehst dich also um und kannst die absolut identischen Meter nochmals und nochmals und nochmals putzen.

Nach der Clean-Up-Aktion ist also vor der Clean-Up-Aktion. Täglich müsste man da hin, eben genauso täglich wie Du zu Hause in der Strasse meiner Jugend. Im Courant normal gibt es jeden Tag zig Touristeninseltouren. Und einige davon, beispielsweise das «Blue Hand Project», bauen ein gemeinsames Clean-Up mit ein. Diese fehlen nun. Ebenso die Arbeit von «Project Biodiversity», das neben der Touristensensibilisierung in Sachen Müll auch mit Schulklassen zusammenarbeitet und mit den Kindern Müll sammelt. Doch nun ist ja keine Schule.

Es bleiben also die gestrandeten Reisenden und die arbeitslosen Hierlebenden, die sich nun um die gestrandeten Dinge kümmern. Und nein, es macht überhaupt keinen Spass. Aber vielleicht macht es etwas Sinn. Trotz Sisyphus. Wer weiss, wie die Ostküste sonst aussähe. Diese Küste, an der schon ganz bald die Meeresschildkröten ihre Eier legen kommen. Dies soll möglichst im Sand und nicht im Plastik geschehen.
Das ist momentan wohl die grösste Motivation, da eben doch immer und immer wieder hinzugehen.

Liebe Grüsse von der Insel

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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