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Gestrandet am Strand: Vera Urweider.© Thomas Kromer

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Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 15.4.2020

Lieber Juerg, lieber Hans, liebe Beatrice, liebe Pia, lieber Victor, lieber Beat, liebe Susanne,

seit heute vor zwei Jahren und fünf Tagen schreibe ich für die Berner Kulturagenda, für euch und für alle anderen Leserinnen und Leser über Kunstschaffende und ihre Werke im Raum Bern, Biel und bis ins Oberland. Sei es über Anlässe oder Personen, gerne lese und höre und sehe ich die Dinge vor euch und für euch. Für diese Ausgabe beispielsweise habe ich das neue Büchlein von Martin Bieri gelesen und empfehle euch es mir gleichzutun. Also nicht ganz gleich. Weil ich musste es als pdf-Datei am Laptop lesen. Denn dieser cheibe Corona liess mich stranden. Auf einer Insel. Im Atlantik.

Genau heute vor zwei Monaten begab ich mich auf eine Reise. Es sollte eine lange, na ja, nicht ganz so lange, und langsame Reise werden, mit Zug und Bus und Schiff durch Frankreich und Marokko, von Nord bis Süd und Ost bis West, dann rüber auf diese geheimnisvollen Inseln, auf die Kapverden. So wenig Flugstrecke wie möglich, so viel wie nötig.

Ich war eingequetscht in den afrikanischen Bussen und lebendigen Märkten der Insel Santiago, bestieg den still vor sich hin brodelnden und schweflig stinkenden Vulkan auf der Insel Fogo, den mit knapp 3000 m ü.M. höchsten Punkt des Archipels, half beim Misten der Ziegen, verpasste wegen eines nicht enden wollenden Sandsturmes den Karneval auf São Vicente, wanderte tagelang in sengender Hitze auf der grünsten Insel Santo Antão, verpasste die unberührte Insel São Nicolau wegen zu hohen Wellengangs, besuchte den Sahara-Ausläufer, die stetig wachsende Inselwüste Viana auf Boa Vista, arbeitete da gegen Kost und Logis für eine Inseltour-Agentur und blieb schliesslich auf der Insel Sal stecken.

Der Abenteuer genug, würde man meinen. Die Fallzahlen in Europa beobachtend, wars erst ein kühner Gedanke: Ich bleibe einfach hier. Dann schlossen die Grenzen und ein Flug nach dem anderen wurde gestrichen, das Chaos brach aus. Dann war der Gedanke plötzlich Tatsache. Ich blieb.

Und nun, lieber Juerg, lieber Hans, liebe Beatrice, liebe Pia, lieber Victor, lieber Beat, liebe Susanne, schreibe ich euch in den nächsten Wochen Briefe. Briefe von der Insel. Von der Insel ohne Corona. Briefe über mein Leben hier. Über die Situation, die sich bereits verändert hat und weiter verändern wird. Denn ja, wir haben mittlerweile auch positive Corona-Fälle, ganze elf an der Zahl, auf drei verschiedenen Inseln. Aber nicht auf Sal. Sal ist eine Corona-freie Enklave mitten im Atlantik. 30 Kilometer lang, 12 Kilometer breit. Davor und danach und daneben Meer, Meer und Meer. Und ab und zu ein Wal.

Seit knapp drei Wochen sind nicht nur die internationalen Flüge gestrichen, sondern auch die interinsulären. Wir leben also in einer Insel-Isolation.

Die perfekte Insolation.

Ich freue mich, lieber Juerg, lieber Hans, liebe Beatrice, liebe Pia, lieber Victor, lieber Beat, liebe Susanne, wenn ihr meine Briefe lest. Wenn ihr mögt. Meinen Geschichten folgt. Und vielleicht, wenn Du magst, schreibst Du mir ja auch einen?

Liebe Grüsse von der Insel

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist, und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie, anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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