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Thomas Beck, Direktor Hochschule der Künste Bern.© ZVG
Hochschule der Künste, Bern

«Kunst ist immer ein Gegenentwurf zur Welt»

Thomas Beck ist der Direktor der Hochschule der Künste (HKB) in Bern. Im Gespräch erzählt er, warum eine individuelle Ausbildung für Kunstschaffende zentral ist und warum Kunst gleichberechtigt mit anderen Disziplinen an Problemlösungen beteiligt sein sollte.

Thomas Beck, bei Ihrem Amtsantritt 2009 haben Sie mehr Sichtbarkeit und Vernetzung für die HKB gefordert. Ist Ihnen das gelungen?
Ich bin überzeugt, dass die Hochschule der Künste viel sichtbarer geworden ist, wobei das Ganze natürlich ein langer, laufender Prozess ist. Wir haben etwa ein neues Corporate Design lanciert. Wir sind zwar weiterhin Teil der Berner Fachhochschule und bleiben das auch. Aber wir haben einen eigenen visuellen Auftritt, mit neuem Logo und neuen Schriften, die von uns im Haus entworfen und umgesetzt worden sind. Unsere Projekte unter dem Label «HKB geht an Land» fanden grossen Anklang. Ich glaube, dass wir, bedingt durch unsere Netzwerkstruktur, die am stärksten vernetzte Kulturinstitution in Bern sind.

Es gibt ein neues Leitbild für 2025. Was steht an?
Digitalisierung ist ein grosses Thema. Jedoch hat uns die Realität überholt. Als wir die Strategie schrieben, konnten wir noch nicht ahnen, wie sehr wir während der Coronapandemie dazu gezwungen sein würden, digital zu arbeiten. Unsere Sitzungen finden nun bereits mehrheitlich online statt. Dadurch sparen wir Zeit und können viele Reisen – die HKB ist ja auf verschiedene Standorte in Bern und Biel verteilt – reduzieren. Es bleibt aber natürlich wichtig, dass man sich ab und an auch persönlich trifft.

Welche Akzente wollen Sie sonst künftig setzen?
Wir wollen einen klaren Akzent bei der Kunst- und Kulturvermittlung setzen. Wir bilden in diesem Sektor in allen Disziplinen Leute aus und wollen diesen Bereich auch in der Forschung stärken und zu einem sichtbaren Profil der HKB machen. Und wir haben uns natürlich stark mit unserer gesellschaftlichen Verantwortung beschäftigt. Was muss eine Kunsthochschule im Kontext von Nachhaltigkeit und Diversity leisten?

Stichwort Diversity: Bisher gab es an der HKB weder eine Direktorin noch eine Vize-Direktorin …
Ich kann mich nicht verwandeln. Habe es jedenfalls nicht vor (lacht). Frauen sind bei uns insgesamt nicht unterrepräsentiert, aber in Führungsjobs sind sie es tatsächlich. Wenn wir neue Führungspositionen besetzen, dann achten wir auf den Genderaspekt. Wir heissen Kandidatinnen an der HKB stets herzlich willkommen.

Ganz konkret: Sie würden bei zwei gleich guten Bewerbungen die Frau bevorzugen?
(Zögert) Ja. Es ist nur oft sehr schwierig in unserem Geschäft, zu beantworten, was eine «gleich gute» Bewerbung genau bedeutet. Aber ja, im Prinzip ja. Wir müssen tatsächlich den Frauenanteil in Führungspositionen erhöhen. Das ist ein klares Ziel.

Die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) ist Ihre grösste Konkurrenz. Was kann man von Zürich lernen? Wie grenzen Sie sich ab?
Wir grenzen uns zuallererst mal durch unser Portfolio ab. Wir bieten «Konservierung/Restaurierung» an, das gibt es in Zürich nicht. Zürich hat Tanz, das haben wir nicht. Wir haben die Literatur und das Opernstudio, beides hat Zürich nicht. Wir sind beide Kunsthochschulen, die multidisziplinär aufgestellt sind, aber wir versuchen, unsere Portfolios möglichst komplementär zu gestalten. Aber Sie haben Recht: Wir sind Konkurrenten, zum Beispiel im Bereich Musik, in dem wir viele ähnliche Angebote haben. Die Grösse der Hochschule in Zürich finde ich eher schwierig. Wir haben den Auftrag, Individualist­innen und Individualisten auszubilden, da ist das Familiäre an der HKB ein grosser Vorteil.

Warum ist eine individuelle Ausbildung so zentral?
Wir müssen diejenigen, die bei uns studieren, so fördern, dass sie, wenn sie auf diesen heiss umkämpften Markt kommen, mit ihrer individuellen Persönlichkeit erkennbar sind. Jede und jeder Studierende muss deshalb versuchen, an der HKB seine eigene Handschrift weiterzuentwickeln.

Wie bewähren sich Abgängerinnen und Abgänger der HKB auf dem Markt?
Unter dem Strich sehr gut. Ich bin zum Beispiel gerade ganz stolz, dass von der Theaterzeitschrift ‹Theater heute› in Deutschland eine Absolventin unserer Schule zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres gekürt worden ist. Es gibt viele Studierende, die später als selbstständige Kleinunternehmerinnen und -unternehmer in den Kulturmärkten unterwegs sind. Sie haben ihre Designbude, ihr Konservierungsatelier oder betätigen sich als freischaffende Musikerinnen, Autorinnen oder Künstler.

Sie selbst sind studierter Musik­ologe. Wie fest sind Sie in Ihrer Sparte verhaftet?
Ich glaube, ich bin das beste Beispiel für jemanden, der sich in fast allen Sparten bewegt hat. Von Haus aus bin ich Literaturwissenschaftler und Musikologe. Ich habe promoviert über ein Thema, das im Zwischenfeld von Text und Musik liegt, und mich unter anderem mit Operntexten von Ingeborg Bachmann befasst. Während meiner Studienzeit habe ich in einer Jazzband Kontrabass gespielt, aber auch Rockmusik gemacht und Figurentheater gespielt.

Kommt Ihre eigene Kunst als Leiter der HKB zu kurz?
Ich würde es nicht Kunst nennen. Ich würde sagen: Ich bearbeite meinen Kontrabass noch ab und zu (lacht). Er steht bei mir im Wohnzimmer und manchmal nehme ich ihn mir vor und spiele.

Was haben Sie sich selbst in letzter Zeit an Kultur gegönnt?
Ich war vor allem in Zürich unterwegs, wo ich mit meiner Familie lebe. Ich war im Migros Museum für Gegenwartskunst und habe dort eine sehr interessante Ausstellung im Schnittbereich zwischen Kunst und Wissenschaft gesehen. Ich habe auch die Schau «Schall und Rauch» im Zürcher Kunsthaus besucht. Im Schauspielhaus habe ich die Dramatisierung von Max Frischs «Der Mensch erscheint im Holozän» gesehen und im Theater Neumarkt einen merkwürdigen Science-Fiction­-Abend erlebt.

In Bern wurden im Gegensatz zu anderen Orten der Schweiz die Theater und auch die Museen erneut vorübergehend geschlossen. Wie stehen Sie dazu?
Ich finde es völlig legitim, dass die Kunst ihren Teil zur Bewältigung der Krise beiträgt. Aber hier wurde über das Ziel hinausgeschossen. Gerade in der Kulturszene wurden sehr strenge Schutzkonzepte frühzeitig eingeführt, die auch nachweislich gewirkt haben. Ich kann demnach die Empörung der Kulturinstitutionen nachvollziehen.

Im Leitbild der HKB steht auch: Wir glauben an die utopische Kraft der Künste. Was verstehen Sie darunter?
Kunst ist immer ein Gegenentwurf zu unserer Lebenswelt. Sie ist kein Accessoire, das man sich an die Wand hängt, sondern eine subjektive Reflexion, eine Spiegelung. Ich glaube, dass Kunst dadurch einen existenziellen Beitrag leistet, damit sich unsere Gesellschaft weiterentwickeln kann. Ich bin überzeugt, dass wir die grossen Probleme der Zukunft nur lösen können, wenn wir die künstlerische Sicht auf die Dinge gleichberechtigt mit anderen Disziplinen mit einbeziehen.

Was hat Sie persönlich am meisten begeistert von den öffentlich zugänglichen HKB-Veranstaltungen der letzten Jahre?
Das Projekt ‹L’Europe sauvage› an der Ostermundigenstrasse fand ich extrem interessant, weil sich dabei die ganze Hochschule mit vereinten Kräften einem Thema gewidmet hat, vom Schauspiel bis hin zu tänzerischen oder filmischen Produktionen war alles dabei. Die Spielstätten, wie etwa das Swisscom Hochhaus, fand ich faszinierend. Dieser Abend hatte einen ganz speziellen Charme auch dank vieler junger Kunstschaffender, die vielleicht noch nicht perfekt sind, aber gerade dadurch eine ganz besondere Kraft hatten.

Hat diese gewollte Interdisziplinarität nicht auch ihre Tücken?
Man kann nicht alle Künstlerinnen und Künstler zur Interdisziplinarität zwingen. Es gibt auch Studierende, die in einer gewissen Phase damit beschäftigt sind, täglich acht Stunden Cello zu üben, und dann sollte das auch möglich sein. An der HKB müssen allerdings zehn Credits – wir sind im Bologna-System – im interdisziplinären Bereich absolviert werden. Das Schöne: Zunehmend betätigen sich die Studierenden von sich aus interdisziplinär.

Wie beschreiben Sie Ihren Führungsstil?
Eine Hochschule ist eine Experten-Organisation, und das heisst, die Qualität hängt nicht von der Qualität des Direktors – das vielleicht auch – , sondern vor allem von der Qualität der vielen Expertinnen und Experten ab. Meine Rolle ist es, die verschiedenen Stimmen und Anspruchsgruppen der Hochschule zu moderieren und gemeinsam Lösungen für alle zu finden.

Was wünschen Sie sich für 2020?
In diesem Jahr bin ich froh, wenn wir ohne grosse Schäden durch die Corona-Zeit kommen. Ich hoffe, dass meine Kolleginnen und Kollegen und natürlich die Studierenden möglichst gesund bleiben. Das ist im Moment einfach das Wichtigste!

www.hkb.bfh.ch

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