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«Transparenz der Bedingungen, unter denen ein Artikel entsteht, ist wichtig.»© ZVG
Diverse Orte, Bern

«Relotius war ein Betriebsunfall»

«Erzählte Welt» lautet das Credo der Erstausgabe des Re­portagen Festivals Bern. Ruedi Widmer, Leiter des Master Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste, ­erörtert in einem Panel das journalistische Erzählen kritisch. Herr Widmer, Sie sind Teil eines dreiköpfigen Panels, welches die Frage «Wie viel Erzählung erträgt die Wahrheit?» diskutiert. Was sind die praktischen Probleme mit Storytelling im Journalimus?
Die Debatte, inwieweit man bei einer Reportage kreativ sein darf, ist ja schon sehr alt. Wir stellen nun einfach die Frage, ob man der Wahrheit gerecht werden kann, wenn man – wie es heute der Fall ist – einen derart gros­sen Druck hat, die Aufmerksamkeit der Leserschaft zu halten. Journalistische Geschichten sind ja seit jeher auch etwas, das man verkaufen muss. Da ist der Anreiz je nachdem gross, eine Story dahin zu biegen, wo sie dem Leser mit seinen Bedürfnissen dienen will, und nicht nur der Wahrheit des Erzählten.

Sie diskutieren gemeinsam mit Shahnaz Bashir und Mansura Eseddin, beide sind nicht nur journalistisch, sondern auch schriftstellerisch tätig. Sind Sie selber beruflich ebenso in verschiedenen Disziplinen Zuhause?
Ich bin eher ein heimlicher Schriftsteller. Aber ich habe mich schon ­immer für Schriftstellerinnen und Schriftsteller interessiert, die zugleich auch im Journalismus tätig waren. Da gibt es ja zahlreiche historische Beispiele.

Ein Fall, welcher Ihrer Paneldiskussion unter anderem den Anstoss 
gab, sind die gefälschten Geschichten des «Spiegel»-Journalisten Claas Relotius. In der «WOZ» forderte Kaspar Surber, dass Journalistinnen und Journalisten wenn immer möglich die Produktionsbedingungen ihrer Arbeit offenlegen, und sich selbst dabei nicht aus der Verantwortung nehmen sollten. Sehen Sie das auch so?
Auf jeden Fall. Transparenz hinsichtlich der finanziellen – und auch der sonstigen –Bedingungen, unter denen ein Artikel entsteht, ist wichtig. Ich persönlich finde ja den Fall 
Relotius gar nicht so interessant, es handelt sich eher um einen, wenn auch schwerwiegenden, Betriebsunfall. Das grundsätzlichere Problem ist, dass es auch bei den besten Bemühungen und dem grossartigsten Handwerk nicht gelingen kann, der Wahrheit in einer journalistischen Geschichte gerecht zu werden. Wir können darum kreisen, danach streben, und ehrlich zugeben, dass wir selbst immer nur eine eingeschränkte Sicht der Dinge haben.

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