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Schreibt über das Zaudern: Meral Kureyshi.© Matthias Günter

Vom Erstarren und Verharren

Eine Protagonistin, die in die Liebe eintaucht, Fragen ausweicht und damit versucht, dem Stillstand zu entkommen. Der zweite Roman der Berner Autorin Meral Kureyshi, «Fünf Jahreszeiten», ist erschienen.

«Ich lebe im Stillstand mit Adam im Kopf.» Gleichzeitig lebt sie im Leben und der gemeinsamen Wohnung mit Freund Manuel. So liesse sich der festgefahrene Zustand der namenlosen
Erzählerin im zweiten Buch von Meral Kureyshi, «Fünf Jahreszeiten», beschreiben. Die Berner Autorin hat eine Protagonistin geschaffen, die alle Fragen mit «Ich weiss nicht» beantwortet, oder mit «Ja, vielleicht», oder wegrennt oder das Telefon nicht abhebt. Manuel geniesst in dieser Konstellation den Heimvorteil, seine Anrufe nimmt sie manchmal auch vor Adam entgegen. Mit Adam – der hässliche Begriff für diese Beziehung wäre Affäre – findet sich «kein Zuhause». Einzig dem alten, dementen Grossvater Adams erzählen sie von ihrem Geheimnis. Denn: «Er vergass es gleich wieder.»

Kureyshis Protagonistin hat das Filmwissenschaftsstudium geschmissen, arbeitet als Aufsicht im Kunstmuseum Bern, um Schulden ihres verstorbenen Vaters Baba abzuzahlen. Die Mutter ist zurückgezogen in die erste Heimat, zum Grab des Vaters, das Verhältnis ist distanziert. Dieser Todesfall war ein zentrales Moment in Kureyshis erstem, für den Schweizer Buchpreis nominierten Roman «Elefanten im Garten» (2015). Und er ist es, wenn auch weniger deutlich, immer noch.

Ein Bild zum Erinnern

Schuf Kureyshi in ihrem ersten Roman eine junge Protagonistin, die versuchte, dem Stillstand zu entkommen, so hadert die Erzählerin im neuen Werk damit, sich nicht entscheiden zu können und verharrt – oder erstarrt handlungsunfähig – in einer Dreiecksgeschichte. Stilistisch unterstreicht die Autorin dies mit unklar getrennten, sich durchmischenden Zeitebenen. Erzählerisch tut sie dies mit Momenten von Harmonie, Liebe und Daheimsein, die extrem brüchig und porös sind, sie sind nichts für die Ewigkeit.

Erstarrtes ist auch in Form von Bildern ein zentrales Motiv. Versionen von Böcklins «Toteninsel», Liebesfilme, ein Bild von Narziss und Echo und eines einer Sirene und Poseidon kommen vor. Auch hier die bittere Erkenntnis: Bilder sind idealisierte, meist überzeichnete Abbilder von Momenten, die für die Ewigkeit sein sollen. Bezeichnenderweise schickt die Protagonistin Adam viele Fotos und erstellt ein Fotoalbum für ihn. Er wiederum fotografierte sie, «um sich irgendwann zu erinnern».

Mut zu leisen Tönen

Kureyshis Lesung aus «Fünf Jahreszeiten» in Klagenfurt beim renommierten Ingeborg-Bachmann-
Preis hat ihr den Vorwurf «Befindlichkeitsprosa» eingebracht, der allzu schnell an Autorinnen vergeben wird. Auch wurde der Text als «schlaffer Händedruck» bezeichnet. Das trifft nur insofern zu, als Kureyshi sich wagt, einen auf den ersten Blick sehr roman­tischen Ton anzuschlagen und über feine und leise Themen wie Orientierungslosigkeit, Überforderung, Stillstand und Liebe zu schreiben. Genau dieses Verharren im Unentschlossenen, dieses An-Ort-Treten der Protagonistin ist schwer zu ertragen – aber psychologisch betrachtet umso spannender und herausfordernder. Es macht nämlich deutlich, wie schwer es uns in unserer Gegenwart fällt, unscharfe Bilder, Zögern, Zaudern und Stille auch nur vorübergehend auszuhalten.

Meral Kureyshi «Fünf Jahreszeiten», 2020, Limmat Verlag
www.limmatverlag.ch

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