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Es wird aufgetischt, abgeschreckt und gegart: Illustration von Nora Ryser. © Rotpunkt Verlag
Chinderbuechlade / Polit-Forum, Bern

Wären wir doch Pilze

«Ist das jetzt das Nötigste?», fragten sich damals die einen, «Soll man sich nachträglich darüber fremdschämen?», heute die anderen. Vor bald 50 Jahren erst wurde schweizweit das Stimm- und Wahlrecht für Frauen eingeführt. Der Sammelband «Gruss aus der Küche» vereint Texte zum Thema.


«Stellen Sie sich all die neuen Möglichkeiten vor, wären wir Pilze!», schreibt Ariane von Graffenried in einem Brief an die bereits verstorbene Präsidentin des «Bundes der Schweizerinnen gegen das Frauenstimmrecht». Manche Pilze, so schreibt von Graffenried, hätten, wie die britische Mykologin Elsie Wakefield herausfand, mehrere Tausend Geschlechter. Wären wir Pilze, hätte es nie eine binäre Aufteilung in die Geschlechter Mann und Frau gegeben. Und werhätte sich vorstellen können, nur einem von über tausend möglichen ­Geschlechtern die Möglichkeit zur Stimm­abgabe geben zu können? Das wäre undenkbar gewesen.

Zum 50-Jahr-Jubiläum haben die beiden Journalistinnen Rita Jost und Heidi Kronenberg zusammen mit 30 Autorinnen, Kolumnistinnen und Historikerinnen zwischen 30 und 80 Jahren den Sammelband «Gruss aus der Küche. Texte zum Frauenstimmrecht» herausgegeben. Auf rund 200 Seiten werden darin die Schreibenden gebeten, ihren Alltag in Bezug auf das Frauen­stimmrecht und das Frausein von heute zu erforschen und zu formulieren, was sie erleben, was sie ärgert, freut und was sie herausfordert. Ergänzt werden die Texte mit Illustrationen der Bernerin Nora Ryser.

 

Knallharte Aufzählung

Die Kapitelunterteilung bedient sich, wie schon der Titel des Sammelbandes, der Küchenmetaphorik und nutzt damit die grosse Symbolkraft der Küche als Ort für die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern: es wird aufgetischt, abgeschreckt, angestossen und gegart.

Zum Start wird dem Bewusstsein mit einem «Amuse-Gueule» geschmeichelt. Was so extravagant klingt, ist in Wahrheit eine knallharte Aufzählung aller Länder, die das Frauenstimmrecht vor der Schweiz hatten. Die Berner Autorin Stefanie Grob zählt über vier Seiten Länder auf, die das Frauenstimmrecht vor uns hatten und endet mit dem Ausruf: «U no huere viu meh!», um die Seitenzahl nicht überzustrapazieren.

Stressfrei die Behaarung striegeln

Die Schriftstellerin, Journalistin, Kriegsreporterin und Psychologin Irena Brežná vollführt in ihrem Text ein zynisches Umkehrkunstwerk mit einem Loblied auf die tollen Eigenschaften des Mannes, die sich aus ­perpetuierten stereotypen Bildern von Frauen zusammensetzten. Brežná macht durch die Umkehr der klischierten Narrative die Absurdität dieser sichtbar und bringt gleichzeitig die ihnen zu Grunde liegenden gesellschaftlichen Spannungen zum Vorschein. So bleibt in ihrem Text «Gruss in die Küche» der Mann am besten zu Hause, wo er sich seiner Schönheit widmen kann, stressfrei «seine prachtvolle Behaarung striegeln» kann und wo er nicht in Verführung kommt, sich Verantwortung für die politische Zukunft der Schweiz aufzubürden. Obacht, warnt Brežná fast höhnisch: «Destruktive Kräfte sind am Werk, um sein hübsches Köpfchen mit Wahlzetteln zuzumüllen.»

Der Sammelband vereint Historisches, persönliche Erlebnisse, Wünsche und Spekulatives, spricht aber auch darüber, welche Einschränkungen in der gesellschaftlichen Realität noch lange nicht gegessen sind, um im Vokabular des Buchs zu bleiben. Die Texte sind keine Kampfansagen mit geschliffenen Messern, Fleischhammer und Knoblauchpresse. Sie bilden stimmig und anregend ein Bild des Frauseins in unserer Gesellschaft ab. Zeigen auf, klären auf, wo Handlungsbedarf besteht und wo und wie Individuelles und Strukturelles zusammenhängt.

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