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Schriftsteller Peter Fahr.© Jürg Curschellas
Naturhistorisches Museum, Bern

Wagemut und Zumutung

Eigensinnig und unzeitgemäss ist «Der Atem der Worte» des Berner Autors Peter Fahr. An der Buchvernissage im Naturhistorischen Museum Bern ist Adolf Muschg dabei.

«Gezeugt wurde ich zwei Monate vor der Nobelpreis-Verleihung an Albert Camus, der die menschliche Existenz als absurd begriff. [...] Mit zehn verpasste ich die erste Mondlandung am Fernsehen, da meine Eltern mir nicht erlaubten, bis zur nächtlichen Direktübertragung aufzubleiben oder anderntags die Geigenstunde zu schwänzen. [...] Mit sechzig gab ich die Hoffnung endgültig auf, jemals ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden.»

Mit dieser biografischen Skizze, in Bezug gesetzt zu Weltereignissen, beginnt «Der Atem der Worte». Ein essayistischer Zugriff aufs eigene Leben, Schreiben und die Zeit sind womöglich Peter Fahrs Ziel, das Buch entfernt sich dabei aber poetologisch wie inhaltlich immer wieder davon. Er, Autodidakt mit Jahrgang 1958 und Vorbild Hesse, schrieb bis anhin stets nebenberuflich; Gedichte, Romane, Essays, Aphorismen, Kindererzählungen – und lancierte in den 1980er-Jahren durch Crowdfunding finanzierte Plakataktionen, in denen er zeitkritische «Aphorismen», Texte zum «Autotod» und den «Dialog mit der schweigenden Mehrheit» an öffentlichen Werbeflächen in Bern, Basel und Zürich platzierte.

Persönlich, überpersönlich

Das Aphoristische prägt auch sein neuestes Buch: In «Atem der Worte» bleibt er ein Mahner, Moralist und Rhetoriker. Die anfänglich für möglich gehaltene Lakonie entpuppt sich schnell als anmahnender Gestus, das Biografische weicht dem Allgemeinen. Fahr arbeitet sich in dem 340-seitigen Band an einer Zeitkritik über den traurigen Zustand der Welt (das Klima, die neuen Me­dien, die Zerstörung der Natur, der Niedergang der Kunst, die Selbstmordgesellschaft) und Reflexionen über den Existenzmodus des Künstlers ab: als einer, der als besonders feinsinniger Mensch an ebendieser Welt besonders leidet. Und ja, richtig, Gendern gibt es im ganzen Band nicht, und auch bei der Rede von «farbigen Menschen» stockt der Atem.

Was ebenso fehlt, ist das wirklich Persönliche, ganz so, als fürchte sich Fahr davor, ins Belanglos-Private abzudriften und der eigenen Imagination und Erlebenswelt zu vertrauen. «Literatur ohne überpersönlichen Sinn ist Selbsttherapie», schreibt Fahr denn auch an einer Stelle, doch der Sprung ins Unpersönliche aphoristischer Gemeinplätze hilft eben auch nicht. Denn gerade die Passagen, in denen Fahr Erinnerungen zu Papier bringt, etwa jene seines sechsjährigen Ichs in einem Sommer bei den Grosseltern in Lausanne, böten doch einen Einstieg ins Erzählen: «Ich werde nie vergessen, wie der Grossvater mir eines Tages zeigte, wie man gefahrlos Bienen fängt, ihnen ein Streichholz in den Hinterleib bohrt und sie wieder fliegen lässt. Dieser Greis, der so brutal sein konnte, ass schon mal ein Glas, wenn er sich nicht mehr anders zu helfen wusste.»

«Der Atem der Worte» ist in der Form ein irritierendes, vielleicht auf seine Art und Weise auch ein wagemutiges Buch eines Autoren, der in der Zeit und ihrer literarischen Landschaft kaum Heimat findet, dem aber der Sprung ins essayistisch-(auto)fiktionale Erzählen zu wünschen wäre.

So sieht es zumindest Adolf Muschg, der das liebevolle Nachwort zum Buch verfasst hat. Ein Erzähler wisse, so Muschg, dass die Sorge um die Welt «im Alltag seiner Figuren, was sie diesseits letzter Dinge treibt und umtreibt, besser aufgehoben ist als in jeder Rhetorik.» An der Buchtaufe von Peter Fahrs «Atem der Worte» wird auch Muschg anwesend sein und aus seinem Nachwort vorlesen.

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