Claude Kuhn – Leçon de Choses
Wir kennen es alle – das berühmte Plakat mit der von Nachtfaltern umtanzten Glühbirne, die zur Museumsnacht nach Bern einlädt. Claude Kuhns ikonische Bildsprache ist im deutschsprachigen Europa bekannt und seine Plakate prägen das visuelle Gedächtnis.
Nun lädt die Galerie da Mihi zu einer besonderen Ausstellung ein, die eine eher unbekannte Dimension seines Schaffens ins Zentrum stellt: die Objekte, seine «begrüssenswerten Galopps in die Unvernunft» oder, um den korrekten Fachbegriff zu verwenden, die «Assemblagen». Begleitet wird die Schau von der Publikation «Leçon de Choses» mit Texten von Gisela Feuz, neu erschienen im Verlag vatter&vatter.
Öffnungszeiten
Donnerstag / Freitag, 14.00–19.00 Uhr
Samstag 11.00 –17.00 Uhr
In dieser Ausstellung interessiert uns, wie Claude Kuhn als zweisprachiger Künstler seine unverwechselbare Bildsprache mit der angewandten Gestaltung verbindet.
Einen Schlüssel dazu fanden wir in seiner letzten Publikation «Hommage an Larousse» in der er aufzeigt, wie seine schwere französische Enzyklopädie Inspirationsquelle und Muse spielt: ein Schatz an Begriffen und Bildern, aus dem er schöpft, bevor er mit der Gestaltung beginnt.
Ebenso inspirativ sind seine Assemblagen aus Fundstücken. Kuhn kombiniert Alltagsobjekte zu überraschenden Konstellationen, die Bedeutungen verschieben und neue Bildideen hervorbringen. Sie sind teilweise der Ursprung, sozusagen die kleine Versuchsanordnung, aus der sich das Werk entwickelt. Erst wenn die innere Logik sichtbar wird, folgt das Plakat – präzise, pointiert, nie beliebig.
Und die Nähe zum Surrealismus ist spürbar – Yves Tanguy und René Magritte sind wichtige Bezugspunkte. Wie bei Magritte entsteht eine Spannung zwischen Ding und Bild, zwischen Realität und Vorstellung. André Breton hat dazu im Manifest des Surrealismus von 1924 den Begriff des «reinen psychischen Automatismus» geprägt, wenn die Gedanken nicht durch die Vernunft kontrolliert werden dürfen. Ziel war es, das Unbewusste durch das freie Spiel der Gedanken, das Traum und Wirklichkeit verbindet, sichtbar zu machen.
Eben dieses freie Spiel, der «Galopp in die Unvernunft», hat Claude Kuhn von Anfang an angetrieben. Schon mit 13 Jahren suchte er mittwochs – während andere Gleichaltrige Fussball spielten oder Hausaufgaben machten – den Weg in die Berner Galerien. Eine frühe, fast trotzig-surrealistische Neugier führte ihn zu Otto Tschumis Werk in der Galerie Schindler und später regelmässig in die Kunsthalle Bern. Dort sah er die Ausstellung «Leçons de choses = Sachkunde» (1982), die der Direktor Jean-Hubert Martin und die Kuratorin Catherine Ferbos verantworteten. Es ging um die Kraft der Dinge, um ihre Fähigkeit, Bedeutungen zu tragen und zu verwandeln. Künstler wie Tony Cragg oder Bertrand Lavier stellten Alltagsobjekte in neue Zusammenhänge und machten sichtbar, dass das scheinbar Nebensächliche und Unzusammenhängende eine Lektion des Sehens sein kann.
Diese Ausstellung prägte Kuhn und so versteht er heute seine «Leçon de Choses» zugleich als Hommage und als Persiflage: ein geistreiches Echo auf jene Schau und zugleich ein kritisch-spöttischer Blick auf die Schulwandbilder seiner Kindheit, die einst das Lernen illustrierten. Kuhn greift diese Bilderwelten auf, doch er verschiebt sie: Seine Objekte sind keine didaktischen Tafeln, sondern spielt intellektuelle Wort-Spiele und verbindet Assoziationsketten auf charmante Weise. In dieser frechen Eleganz berührt er den Surrealismus unmittelbar.
In der Ausstellung sind Assemblagen zu sehen, die Welten sich berühren lassen, wie es nur in der Kunst, aber nicht in der Realität möglich ist. Der Künstler spielt mit der Logik des Alltags und verwandelt sie in eine surreale Begegnung: Der Straussenvogel hockt erstarrt in der Vase, das Absurde hat einen Namen. Mit Präzision und feinem Humor entsteht der «Strauss in Vase», zugleich Wortspiel und Bildrätsel. Kuhn lädt uns ein, die Grenzen zwischen Ernst und Leichtigkeit neu zu denken. Bei diesem Werk wird zudem verständlich, weshalb Kuhns Werke vorwiegend im deutschsprachigen Sprachraum funktionieren, weil sie auf die Verdichtung von Zeichen und Bedeutungen angewiesen sind.
Begleitet wird die Ausstellung von der Publikation «Leçon de Choses» (vatter&vatter, Texte von Gisela Feuz), die zwölf Objekte im Kalenderformat versammelt. Diese Dinge sind keine Lektionen im schulischen Sinn, sondern Verdichtungen von Gedanken, Assoziationsketten – eine visuelle Forschung, die zwischen angewandter und bildender Kunst oszilliert.
Publikation «Leçon de Choses»
undatierter Jahreskalender von Claude Kuhn & Gisela Feuz, 2026, vatter&vatter, ISBN 978-3-907340-87-5, für CHF 25.- erhältlich bei www.vatterundvatter.ch, im Buchhandel und in der Galerie da Mihi.
Claude Kuhn, *1948, lebt und arbeitet in Bern. Das Museum für Gestaltung Zürich widmete ihm 2014 mit «Plakatgeschichten» eine bedeutende Einzelausstellung. Christian Brändle, der damalige Direktor, würdigte ihn als Gestalter, der das visuelle Gedächtnis der Schweiz geprägt hat – präzise, witzig, unverwechselbar. Kuhn erhielt den Schweizer Design Preis und wurde mehrfach bei internationalen Plakatwettbewerben ausgezeichnet, unter anderem in Warschau, Lahti und Taiwan, den bedeutenden Zentren der Plakatkunst. Seine Arbeiten sind längst Teil einer visuellen Kultur, die weit über die Schweiz ausstrahlt. Kuhns Werke sind Kunstvermittler im besten Sinn: Sie öffnen Räume des Denkens, ohne didaktisch zu sein. Kuhn schafft Extrakte, die mehr sind als nur «schön»: Sie verlangen nach Gefühl und setzen Wissen voraus.
Text: Barbara Marbot und Hans Ryser, im Januar 2026
Organisation
Zugänglichkeit (Selbsterklärung)
- Mit dem Rollstuhl zugänglich