Da hätte auch Rousseau mitgetanzt
Das Tanzfest Bern eröffnet mit «4 x Rousseau». Das Tanzstück der Cie. La Ronde folgt dem Genfer Philosophen von den Höhen seiner Ideen über die Widersprüche bis in die sexuellen Abgründe. Ihsan Rustem, künstlerischer Leiter der Compagnie, über die Faszination Rousseau – und wie man ihn in Bewegung setzt.
Es gibt viele grosse Denker (und wenig grosse Denker*innen), die das Unglück haben, dass aus ihnen Schulstoff wurde. Rousseau? Man hat den Philosophen durchgenommen – und seither haftet ihm der fade Geschmack einer Geschichtslektion an.
Doch langweilig ist Rousseau höchstens im Unterricht. 1712 in Genf geboren und 1778 in der Nähe von Paris verstorben, war er ein rastloser und beinahe unüberschaubar vielseitiger Mensch. Er war Philosoph, Schriftsteller, Pädagoge, angehender Priester, der vom Protestantismus zum Katholizismus konvertierte (und zurück), er verkehrte im Kreis von Diderot, korrespondierte und stritt mit Voltaire, war auch Musikkomponist, gern unterwürfiger Liebhaber, noch lieber Exhibitionist und erstaunlich offenherziger Autobiograf.
Zensiert, gefeiert, geduldet
Mit seinen Ideen zum frei und gleich geborenen Individuum, mit seiner Kritik am Eigentum und der Ungleichheit, die es erzeugte, mit seiner Erfindung von Bürgerrechten und mit seiner Absage an den Offenbarungscharakter von Religion war er seiner Zeit voraus. So weit, dass er zensiert und seine Bücher «Émile» und «Du Contrat Social» erstmal verbrannt wurden und er seiner Verhaftung viele Jahre lang davon reiste. Er wohnte diskret im Neuenburger Weiler Môtiers, manchmal gar als Armenier verkleidet auf der St. Petersinsel im Bielersee. Sein wachsender Ruf brachte ihm später eine Einladung von David Hume nach England ein, bevor er gegen Ende des Lebens über viele Stationen nach Frankreich zurückkehrte, mittlerweile geduldet und von Gönner*innen ausgehalten.
Was für ein Curriculum vitae, muss sich auch Rousseau gedacht haben, denn in seinen «Bekenntnissen» hielt er sein bewegtes Leben auch gleich selber fest. Die autobiografische Freimütigkeit, mit der er seine sexuellen Vorlieben und intimen Abgründe vor sich selber und der Öffentlichkeit ausbreitete, liest sich bis heute kühn.
Denker «on the move»
Rousseau hat also eine definitiv eine zweite Chance verdient. Sogar mehr als das bekommt er in «4x Rousseau», dem Tanzstück der Cie. La Ronde, das Anfang März in Winterthur Premiere feierte und nun ans Tanzfest Bern kommt: Mit Caroline Finn, Luca Signoretti, Ihsan Rustem und Sarafina Beck setzen gleich vier experimentierfreudige Tanzschaffende Rousseaus Ideen und seine schillernde Person in Bewegung.
Die 70 Minuten seien eigentlich eine «wechselvolle Reise», meint Ihsan Rustem, der künstlerische Leiter der Compagnie La Ronde, und das passt ja nun wirklich zu diesem Denker «on the move», der kaum zu fassen ist. Die vier Choreograf*innen erarbeiteten je unabhängig voneinander eine tänzerische Perspektive auf Ideen und das Leben Rousseaus.
«Shockingly» aktuell
Was Ihsan Rustem selber an dem Vielseitigen fasziniert? «Ganz einfach: Rousseaus Aktualität!» Sie sei erstaunlich und «shocking» zugleich, meint der gebürtige Brite, der in Zürich lebt und neulich auch Schweizer wurde. Dessen philosophische Gedanken zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, «sie waren der Blueprint für unsere Demokratien», sagt Rustem. Und doch erkannte bereits Rousseau, wie verletzlich diese seien. «Freiheit und Gleichheit können korrumpiert werden», gerade zu erleben in Gesellschaften, in denen der Rechtspopulismus die Demokratie von innen aushöhle. «Rousseau war sich bewusst, wie schnell aus Gleichheit Ungleichheit werden kann, er erkannte die Verführung der Macht, die einzelne ergreifen und die viele unfrei macht.»
Um das Verhältnis zwischen Freiheit der Einzelnen, Individualität und dem Leben in der Gemeinschaft geht es denn auch in Rustems eigener Choreografie. Die Dynamiken von Macht und wie schnell die fragile Gleichheit aus der Balance gerät, thematisiert wiederum Sarafina Beck in einem Kinderspiel-Szenario. Die junge Tanzschaffende kommt aus dem Urban Dance und ist selber Tänzerin der Cie. La Ronde. Erstmals choreografiert sie nun auch für das Ensemble.
Morphende Klanglandschaft
Kommen wir also auf diese Compagnie: Ein Stück, das vier Choreograf*innen erschaffen, und dies mit Tänzer*innen, die aus dem ganzen Spektrum des zeitgenössischen Tanzes, von Ballett bis Street Dance kommen, dazu ganz junge und bereits ältere Tanzschaffende. Es sei der «USP», der unique selling point, der Cie. La Ronde, dies alles zusammen auf die Bühne zu bringen, erklärt Rustem dieses ziemlich ungewöhnliche Projekt.
Ebenfalls zur Compagnie gehört, dass alle Beteiligten heute in der Schweiz ihre Basis haben, wenngleich sie international tätig sind und einen ebensolchen Namen haben. So wie der mehrfach ausgezeichnete Rustem selbst, der gerade in Seattle arbeitet und seit Jahren auch Haus-Choreograf der renommierten NW Dance Company aus Portland ist.
Dass das Stück dennoch wie aus einem Guss daherkomme, liege daran, dass man gemeinsam Übergänge erarbeitet habe, die von einer choreografischen Handschrift zur nächsten überführten. Und dass man für die Musik mit dem angesagten Alexandre Dai Castaing zusammenarbeite.
Der in Genf lebende Musiker komponierte auch schon für Marvel, Werbung und diverse grosse Theaterhäuser. Für «4 x Rousseau» sampelte er das Spiel der ebenso bekannten Cellistin Julia Kent und schuf so die morphende Klanglandschaft der tänzerischen Reise.
Es beginnt mit einer Telefonzelle
«Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass wir mit den Besten zusammenarbeiten», so Rustem. Denn dann seien da noch das Bühnenbild und die in Sepia gehaltenen Kostüme von Renê Salazar. Der ehemalige Tänzer mit Wurzeln in Brasilien, heute in St. Gallen lebend, habe simple Elemente entworfen, die einfach umgebaut werden können. Den Anfang mache eine Art Telefonzelle. Mehr will Rustem nicht verraten.
Dass Rousseau seine Ecken und Kanten hatte, und ihn zuweilen, wie seine Autobiografie bezeugt, darüber auch Selbstzweifel befielen, das wiederum ist Basis des Tanzabschnitts von Caroline Finn. Die ebenfalls britische Choreografin versteht sich auf fantasievoll-hintersinnige Inszenierungen von intellektuellen Stoffen, wie sie wiederholt bei Bern Ballett bewies. Da choreografierte sie bereits zu Simone de Beauvoir und Virginia Woolf. «Sie nähert sich den Widersprüchen zwischen Denker und Mensch», so Rustem. Der Pädagoge Rousseau, selber Halbwaise und früh auf sich selber gestellt, steckte seine eigenen vier Kinder ins Heim, anstatt sie selber grosszuziehen. Und lieber als mit Lebensgefährtin Thérèse Levasseur zu schlafen, suchte er öffentliche Plätze auf, wo er sich vor jungen Frauen entblösste. Caroline Finn inszeniert nun eine Art Selbstbefragung dieses skrupulösen Selbst- und Seelenentblössers: «Wie beurteilte Rousseau sein eigenes Scheitern als Vater und Lebenspartner?»
Ausgerechnet 1. Mai
Und da ist nicht zuletzt Rousseaus sprichwörtliche «Rückkehr zur Natur», die ihn, der unter den Aufklärern der zivilisationskritischste war, ziemlich aktuell machen. Rousseau verbrachte insbesondere in späteren Jahren viel Zeit mit Beobachtungen von Pflanzen und Tieren. Ein unbeschwertes Naturidyll choreografiert so Luca Signoretti.
Das Telefongespräch mit Ihsan Rustem macht neugierig auf den getanzten Rousseau. «He was a funny one», er sei eine ziemlich spezielle Persönlichkeit gewesen, sagt er denn auch selbst und lacht. Dass das Stück über den Philosophen, der mit seiner Eigentumskritik auch als Vordenker des Sozialismus gilt, ausgerechnet am 1. Mai in der grossen Halle der Reitschule seine Berner Premiere feiert, freut den Choreografen besonders.
«4 x Rousseau» ist ein vielschichtiger Auftakt für das Tanzfest in Bern, das mit seinem schweizweiten Programm nicht nur zum Schauen, sondern auch zum Mittanzen einlädt. Niederschwellig, an vielen öffentlichen Plätzen, in verschiedenen Städten der Schweiz. Da hätte Rousseau vermutlich auch mitgetanzt.
// Diverse Orte, Bern. Mi., 1., bis So., 5.5.
- «4x Rousseau»: Grosse Halle der Reitschule, Bern. Mi., 1., und Do., 2.5., 19.30 Uhr
Tickets für «4x Rousseau»