Das entwendete Krönchen
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Das entwendete Krönchen

Kunst
Veröffentlicht am 11.01.2026
Susanne Leuenberger
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Seit 40 Jahren lädt das Berner Galerienwochenende dazu ein, Kunst und Künstler*innen auf Augenhöhe zu begegnen. 11 Galerien öffnen ihre Tür. Ein Vorabbesuch bei Galeristin Jasmin Glaab, die ganz auf Kunst von Frauen setzt.

Ob der Wert des Fotodrucks aus dem Jahr 2024 seit dem Kunstraub im Louvre gestiegen ist? Auf dem Bild schlüpft Orlan in die Rolle von Kaiserin Eugénie, der einstigen Trägerin des diamantbesetzten Krönchens, das seither fehlt. Gesichtet wurde zumindest sein Abbild in Bern. Drei grossformatige digitale Montagen der französischen Konzeptkünstlerin Orlan, die seit den 1970er-Jahren mit Bodymorphing arbeitet, erwarten die Besucher*innen in der Galerie Glaab.

Galeristin Jasmin Glaab zeigt und verkauft ausschliesslich Werke von Künstlerinnen. Die aktuelle Ausstellung «Women depict Women. 1925 – 2025» versammelt Selbstporträts und Frauendarstellungen aus hundert Jahren. Fast alle der 14 vertretenen Künstlerinnen sind bekannte Namen: Drucke und signierte Abzüge von Sophie Calle, Tracey Emin, Miriam Cahn und Nan Goldin sind darunter. Viele der Arbeiten sind (auch) explizit feministisch und setzen sich mit und über Frauen*körper auseinander.

Ein Engel und die heilige Pippilotti

Der lebensfrohe, mit Erde wie Himmel verbundene «L’Ange protecteur» von Niki de Saint Phalle aus dem Jahr 1997 kontert die Vorstellung des erhabenen männlichen Schöpfergenies mit einer lustvollen Feier der Kreativität, die im weiblichen Körper wohnt. Die subversive Pipilotti Rist posiert in «The Help» (2004) als körpergrosser Stoffdruck auf Augenhöhe: mit erhobenen Armen, gehäkeltem Heiligenschein und Blut, das unter dem Rock ihr Bein hinabfliesst.

Dass Bilder von Frauen auch anders gedacht werden können, zeigt Lill Tschudis abstrakter Farblinolschnitt «Frau mit Vogel und Fisch» (1969). Ein wortspielerisches Rätsel: Weder Fisch noch Vogel sind eindeutig zu erkennen, und wo bleibt die Frau? Tschudi entzieht sich der Rolle des (Selbst-)Objekts und unterläuft zugleich den Voyeurismus, der der Tradition weiblicher Bildnisse – und erst recht der Aktdarstellung – eingeschrieben ist.

Wert ist auch Marktwert

Jasmin Glaab eröffnete ihre Galerie vor drei Jahren mit dem Anspruch, eine weibliche Geschichtsschreibung voranzutreiben und den Kanon zu verändern. Für sie gehört zur Aufwertung von Kunst von Frauen auch der ökonomische Blick. «Wertschätzung zeigt sich nicht nur in Ausstellungen und Museumssammlungen», sagt sie, «sondern auch auf dem Kunstmarkt. Noch immer werden viele Künstlerinnen unter ihrem Wert gehandelt.»

Ihr Angebot richtet sich bewusst an Frauen. Kunst zu kaufen und zu sammeln sei nach wie vor männlich konnotiert, sagt Glaab. «Dabei kann Kunst auch eine Form der Altersvorsorge sein – und das nicht nur für Millionär*innen.» Sie berate offen darüber, ob ein Werk als Investment tauge oder ein Risiko bleibe.

Ist Bern ein guter Standort für den Kunstverkauf? Die Konkurrenz sei kleiner als in Zürich, sagt Glaab, dafür gebe es wohl auch weniger Berner Sammler*innen. Seit Anfang Jahr ist sie am ehemaligen Standort der Galerie Bernhard Bischoff & Partner im Progr zu finden. Wichtiger als die Location seien aber Name und ein klares Profil: «Es spricht sich herum, dass ich auf Kunst von Frauen fokussiere.»

Wagnis Galerie

Eine Galerie zu führen, bleibe ein Wagnis. «Das ist nicht nur Geschäft, das ist auch Leidenschaft», sagt Glaab, die die Galerie ohne Angestellte führt. «Ich kann nur weitermachen, wenn ich verdiene. Aber ich zeige keine Kunst, die ich nicht selbst mag und hinter der ich nicht stehen kann.»

Eine Lieblingskünstlerin? «Meret Oppenheim», sagt Glaab. Von den Galerieräumen fällt der Blick direkt auf den Waisenhausplatz und den ikonischen Oppenheim-Brunnen. Passender könnte der Ort also nicht sein.

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Kirchners «Weiblicher Akt in Grün, Blau und Rosa» (1927/8). Anstellungsansicht aus der Galerie Henze & Ketterer. © ZVG

Der Davoser Kirchner in Wichtrach

Die Galerie Glaab öffnet am Galerienwochenende ihre Tür. Der Anlass findet seit 40 Jahren statt. Zehn weitere Galerien in und um Bern laden dazu ein, über die Schwelle zu treten, sich umzuschauen und ins Gespräch zu kommen. So dürfte sich auch eine Fahrt ins ländliche Wichtrach lohnen. Ein Shuttle-Bus bringt Besuchende von Bern zur Galerie Henze & Ketterer und zurück. «Ernst Ludwig Kirchner erfindet sich neu» heisst die Ausstellung in der Galerie, die Kirchners Entwicklung in den Davoser Jahren zeigt. Und das Druckatelier Tom Blaess an der Aare lädt dazu ein, die Fotoserie «Mondgesang» von Cécile Wick zu betrachten, die Tom Blaess mit experimentellen Druckverfahren auf Papier brachte.

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Zu sehen im Druckatelier Tom Blaess: Cécile Wick, «Primavera», 2025. @ ZVG

// Diverse Galerien in und um Bern. Sa., 17., und So., 18.1., 11 bis 17 Uhr

  • «Women depict Women. 1925 – 2015»: Galerie Glaab, Progr Bern. Ausstellung bis 31.1. www.galerieglaab.com

www.bernergalerien.ch

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Susanne Leuenberger
Susanne Leuenberger
Redaktionsleiterin

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