Dieser erstaunliche dritte Akt
Die deutsch-dänische Regisseurin Anja Behrens bringt «Die Orestie» nach Bern. Die Tragödie nach Aischylos setzt eine Gewaltspirale in Gang. Ein Lehrstück fürs Heute. Und ein erstaunlicher dritter Akt.
Die Tür öffnet sich, der Blick fällt auf rote Tücher auf dunklem Boden. Verhüllte Körperskulpturen hängen leblos von der Decke. Regisseurin Anja Behrens steckt noch in letzten Absprachen mit der Cellistin Line Feldin. Die Schauspielerinnen Isabelle Menke und Lucia Koticova sammeln ihre Sachen zusammen, bevor sie die Probebühne verlassen und sich in die Winterferien verabschieden. Noch einmal tief Luft holen, noch einmal Skifahren – bevor die Tragödie ihren Lauf nimmt.
Isabelle Menke wird als Klytaimnestra ihren Mann Agamemnon töten, gespielt von Jan Maak. Es ist ein Mord aus Rache: Um die Nordwinde im Krieg gegen Troja gnädig zu stimmen, hatte er die gemeinsame Tochter Iphigenie geopfert. Lucia Koticova steht als Elektra auf der Seite der Kinder. Sie treibt ihren Bruder Orest – verkörpert von Gastschauspieler Patrick Baurichter – an, den Mord am Vater mit Muttermord zu sühnen. Klytaimnestra soll mit dem eigenen Leben bezahlen. Gewalt erzeugt Gewalt, immer weiter dreht sich das Rad. Oder lässt es sich aufhalten?
Anja Behrens bringt mit der «Orestie» von Aischylos eine Tragödie auf die Bühne, die in drei Teilen erzählt, wie ein kriegsbringender Fluch den blutigen Reigen aus Hass und Rache in Gang setzt. Doch im dritten Akt geschieht etwas Unerhörtes: Die Spirale der Vergeltung kommt zum Stillstand. Aischylos lässt Athene und Apoll auf den Plan treten, die dem Töten eine neue Ordnung entgegensetzen: Recht, Gerechtigkeit und Demokratie.
Ein Raum jenseits der Moral
«Die Orestie ist pur. Ich kehre immer wieder zu den alten Mythen zurück», erklärt Behrens ihre Faszination für den antiken Stoff. Für das Königliche Theater in Kopenhagen etwa inszenierte sie «Symposion» (2019) und «Odysseen» (2022). Behrens ist bekannt für ihre ernsten Stoffe und eine symbolstarke Bildsprache. Sie schätzt die Zeitlosigkeit und Tiefe antiker Mythen. «Die Orestie» inszenierte die gebürtige Hamburgerin, die in Kopenhagen lebt, erstmals 2013 – damals noch während des Studiums. «Mich fasziniert ihre Kraft, die archetypischen Figuren und Konstellationen.» Mythen seien ein Angebot, Eifersucht, Wut, Hass und unbewusste Abgründe spielerisch hervorzuholen und auszutragen. «Sie öffnen einen Raum jenseits der Moral.» Genau diese Freiheit von Scham und Verdrängung ermögliche es, Bilder und Sprache für unverarbeitete Erfahrungen zu finden. «Transgenerationale Traumata, die sich von Generation zu Generation vererben, sind mein grosses Thema als Theatermachende. Diese Zirkel der Gewalt und der Sprachlosigkeit – und die Frage, wie man aus ihnen herausfindet. Das treibt mich um.»
Dass Anja Behrens mit der «Orestie» nach Bern kommt, ergibt deshalb besonderen Sinn. Denn es gibt in diesem «erstaunlichen dritten Akt», wie Behrens ihn nennt, eben diese Enthebung: eine Aushebelung der traumatischen Wiederholung. «Die Orestie» gilt als Geburt der Demokratie auf der Bühne. «Stellen Sie sich das vor: Auf einer Bühne im alten Griechenland wird eine neue gesellschaftliche Ordnung erprobt.»
Trauma verdichtet sich zu Bewegung
Behrens arbeitet mit knappen Textfassungen. Wort, Musik, Körper, Raum und Licht stehen gleichberechtigt nebeneinander. «Ich ermutige die Spielenden, sich ganz in ihren Körper zu wagen.» Manche Wahrheiten, so Behrens, lassen sich körperlich klarer ausdrücken als mit Sprache. Der erste Teil der Inszenierung – eine Vorgeschichte zum Fluch des Tantalos – kommt deshalb fast ohne Worte aus. Als Körpertheater nimmt er Gestalt an, verdichtet sich Trauma zu Bewegung. Die Schauspielenden agieren beinahe stumm.
Und wie erzählt man den dritten Akt heute? Götter gibt es in Behrens’ Fassung nicht. Die Verantwortung liegt bei den Menschen. «Eigentlich sind wir weiter», sagt sie. «Wir kennen demokratische Prozesse, Rechte. Die Menschenrechte sind eine der grössten Errungenschaften des 20. Jahrhunderts.» Und doch seien sie nie durchgesetzt worden – und zunehmend bedroht. An die Stelle von Athene und Apoll treten bei Behrens Kinder. Sie betreten die Bühne und rufen die Menschenrechte einzeln auf. Kinder, der verletzlichste Teil der Gesellschaft. «Sie sind oft die ersten Opfer von Gewalt», sagt Behrens. «Das sehen wir bis in die aktuellen Kriege und Notlagen. Wie kann das sein?»
Die «Orestie» sei, so Behrens, «fürchterlich, schrecklich aktuell». Denn jenseits der Bühne, im politischen Weltgeschehen, feiern Gewalt, Bereicherung und grausame Rechtsbrüche fröhliche Urständ – als würde der Mythos erneut beginnen, von vorn.
«Der Anfang liegt immer im Dunkel»
Kassandra, gespielt von Jeanne Devos, fragt ziemlich zu Beginn des Stücks: Wann Krieg beginnt, das kann man wissen – doch wann beginnt der Vorkrieg? «Der Anfang liegt immer im Dunkel, im Unbewussten», sagt Behrens.
Dass Anja Behrens diesen dunklen Anfängen ein Theater mit grossen Gesten, Bildern und Pathos entgegensetzt, das sich selbst und die Menschen ernst nimmt – das passt in diese Zeit. Mindestens so gut wie damals, als die Tragödie im alten Griechenland erfunden wurde.