kulturelle veranstaltung

Künstlergespräch mit Michael Streun

Kunst Im Gespräch
Do. 29.01.2026
Verfügbare Daten für diese Veranstaltung
Donnerstag
29.01.2026
Bern
Do. 29.01.2026
19:00
Beginn
19:30
Schluss

Barbara Marbot im Gespräch mit Michael Streun in seiner Ausstellung «Paradigma»

Der 2025 mit dem Kunstpreis der Stadt Thun ausgezeichnete Künstler entfaltet in seiner surrealen Malerei ein Spannungsfeld zwischen Traum und Wirklichkeit und verbindet Bildtraditionen mit zeitgenössischer Bildkritik.

Michael Streun (*1965, Bern), Maler, Zeichner und Objektkünstler, erschafft Bildräume, in denen Traum und Realität auf den Leinwandflächen zu multidimensionalen, emotional aufgeladenen Topografien verschmelzen. Seine farbintensiven, utopisch-surrealen Kompositionen entfalten eine Tiefenwirkung, die unser Wahrnehmen herausfordert und zum Nachdenken anregt. Streuns Werke sind inspirierende Denklandschaften, die grundlegende gesellschaftspolitische Themen aufwerfen, ohne die poetische Kraft und ästhetische Schönheit zu vernachlässigen.

Bei unserem Besuch in Michael Streuns Atelier in Thun stehen wir vor einem, noch im Entstehen begriffenen imposanten Werk: Mit seinen Massen von 200 x 320 cm gehört es zu den grossen Formaten, die seit dem Abstrakten Expressionismus für zeitgenössische Kunst richtungsweisend wurden. Der Bildraum ist erfüllt von konzentrierter Energie – ein visuelles Manifest nimmt Gestalt an. Die Komposition zeichnet ein Zukunftsbild, in dem junge Menschen die Welt neu erfinden und malend entwerfen mit Farben, die von morgen erzählen. Ein Hoffnungsfunke springt über – nicht nur metaphorisch, sondern als künstlerisches Gestaltungsprinzip. Gerade weil seine Bildsprache tief berührt und seine Visionen in uns nachhallen, widmen wir dem Künstler eine Einzelausstellung in Bern. Streuns Kraft und Poetik lässt die Geheimnisse des menschlichen Miteinanders leuchten.

Das neue Werk mit dem Titel «Der Damm» fasziniert als poetisches Tableau zwischen Traumwelt und komplexer Topografie. Drei jugendliche Figuren, in leuchtendem Gelb und tiefem Violett gekleidet, agieren in einer surrealen Landschaft mit pulsierendem Wasserlauf. Ihre überdimensionierten, raketenartige Objekte beinhalten die Sprengkraft schöpferischer Möglichkeiten – Instrumente des Denkens und der Imagination. Die Szene wirkt wie ein eingefrorener Moment kollektiver Kreativität, in dem Natur und Geist ineinanderfliessen. Der Damm im Hintergrund erscheint durchlässig wie eine kristalline Gedankenformation, während der fragmentierte Himmel die Zersplitterung der Wahrnehmung spiegelt. Die Figuren agieren auf dem Wasser – ein flüchtiges Medium, das sich jeder Fixierung entzieht. Diese Gesten lassen sich auch lesen als poetischer Akt der Selbstvergewisserung und des Widerstands.

Im Werk «Richtungswechsel» begegnen wir fünf Personen in einer fluiden, schillernden Landschaft. Sie sind vertieft in ein gemeinsames Tun, während leuchtende, pfeilartige Fragmente durch den Raum fliegen. Die Objekte werden aufgefangen oder geworfen und scheinen eine eigene Dynamik zu entwickeln, als suchten sie selbst nach Orientierung. Die Personen wirken, als wollten sie aus diesen Zeichen etwas Zukünftiges gestalten und Koordinaten des Zusammenlebens finden. Die Dynamik ist getragen durch gemeinsames Handeln, das Wandel bedingt, alte Gewissheiten hinterfragt und neue Denkmodelle wie kraftvolle Papierflieger aufsteigen lässt.

Der Ausstellungstitel «Paradigma» verweist auf die Grundmuster unseres Denkens und auf Strukturen, die unsere Sicht auf die Welt prägen. Streuns Werke greifen diese Idee auf: Sie zeigen junge Menschen, die buchstäblich kreative Paradigmen entwerfen – sie trotzen den Regeln der Physik, bewegen sich auf Wasser und auf Luft, in imaginären Landschaften. Die Bilder laden dazu ein, die Welt als gestaltbares, offenes System zu begreifen. «Paradigma» wird so zum Sinnbild einer Zeit, in der sich künftige Formen des Zusammenwirkens und Denkens herausbilden. Michael Streuns Kunst ist mehr als ein ästhetisches Erlebnis; sie ist ein philosophischer Impuls – ein Aufruf, das Paradigma des Sehens, Denkens und Seins neu zu definieren.

Ein zentrales Motiv in Streuns Werk sind zudem die Tronies – eine Genrebezeichnung aus der niederländischen Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts, mit dem charakteristische Köpfe und Gesichter beschrieben werden, die nicht als Porträt, sondern als Studie von Typus und Ausdruck gelten. Streun greift diese Tradition auf und überführt sie in eine zeitgenössische Bildsprache. Seine Tronies zeigen fast ausschliesslich junge Frauen, die er symbolisch als aktuelle Heldinnen versteht: selbstbewusst, kraftvoll und von stiller Poesie umgeben. Sie verkörpern weder idealisierte Schönheitsbilder noch sind sie als Portraitierte wiedererkennbar. In sich ruhend, sind sie authentisch und verweigern sich dem direkten Augenkontakt. In seinen Tronies verschränkt der Künstler Vergangenheit und Gegenwart – das historische Format wird zum Resonanzraum für heutige Fragen nach Identität, Rolle und Selbstbestimmung. Mit sensibler Farbgebung und kraftvollen Komplementärkontrasten sowie klarer Komposition und einem Gespür für das Unerwartete erschafft Michael Streun Genrebilder, die vertraut und irritierend zugleich sind – sie laden die Betrachtenden ein, im Antlitz moderner Frauen eigene Geschichten zu entdecken.

Text: Barbara Marbot und Hans Ryser, im Oktober 2025

Preis(e)
Freier Eintritt
Organisation
Zugänglichkeit (Selbsterklärung)
  • Mit dem Rollstuhl zugänglich